Fast alle Bereiche des Musiklebens scheinen publizistisch abgegrast und werden permanent recycelt. Nur ein Thema taucht kaum auf: Orchestermanagement. Liegt es daran, dass den Verlagen der "Markt" dafür zu klein erscheint? Dabei ist das Thema nicht nur für Fachleute interessant, sondern für alle Arten von Musikern und Musikliebhabern. Daher ist dieses Buch, das schon einige Zeit auf dem Markt ist, aber selten in den Sortiments der Buchhandlungen auftaucht, hochwillkommen. Jeder, der eine kompakte, übersichtliche Einführung in das Thema bekommen will, ist damit gut beraten. Zwar wird nicht für Jedermann jedes Kapitel gleich interessant sein, doch in Summe finde ich alles lesenswert: Ganz besonders z.B. beim "Allgemeinen Überblick" die Abschnitte über "Die permanente Krise", "Das Repertoire" und "Neue Musik". Das Kapitel "Eine Welt für sich" ist meiner Meinung nach sogar eine der besten Zusammenfassungen über das Innenleben eines Orchester. Daran schließt sich ein fundierter Überblick über alle Aspekte des praktischen Managements (u.a. Datenbanken eines Orchesters, Konzertvorbereitung, Finanzplanung, Controlling, Konzertakquise, Marketing, Education-Programme), ergänzt durch Checklisten und Beispiele aus der Praxis. Exzellent sind z.B. die Vorgaben für das Projekt- und Stagemanagement eines Projektorchesters auf S. 64/65.
Überhaupt ist der Ansatz lobenswert, die "freie Szene" genauso ernst zu nehmen, wie die staatlich subventionierten Kulturorchester, ohne beide gegeneinander auszuspielen. So hebt Brezinka einerseits die brillanten Hochleistungen hervor, die manche Projektorchester erreichen können, betont aber zugleich, dass eine kontinuierliche interpretatorische Meisterschaft nur durch dauerhaft arbeitende Klangkörper mit festen Anstellungsverträgen möglich sind (S. 38). Insgesamt bilden nämlich "die etablierte und die freie Orchesterszene ein Ganzes, das voneinander lebt" (S. 132).
Für Fortgeschrittene lohnt der Vergleich der wichtigsten Vertragsbestimmungen zwischen TVK und KTV im Anhang, wobei letzterer (der KTV des Mitteldeutschen Rundfunks) an Modernität, Ausgewogenheit und Flexibilität eindeutig die Nase vorn hat.
Ergänzt wird der praktische Teil durch einen Blick auf die Orchesterkultur in den USA und auf das, was uns am meisten interessiert: "Die Zukunft des Sinfonieorchesters". Hierfür hat der Autor mehrere Persönlichkeiten des deutschen Musiklebens wie z.B. Rolf Bolwin, Beat Furrer, Wolfram Goertz, Gerald Mertens, Manfred Trojahn, Hans Zender um Beiträge gebeten, die allesamt höchst lesenswert sind, jedoch insgesamt ein eher pessimistisches Grundbild ergeben.
Bei soviel Lob dürfen ein paar Kritikpunkte nicht unerwähnt bleiben: die Probezeit nach bestandenem Probespiel dauert nicht sechs, sondern bis zu 18 Monate (S. 28), es heißt nicht mehr "NV Solo" sondern "NV Bühne" (S. 59), bei den Dienstplänen fehlt die Abkürzung OA (Orchesteralleinprobe, S. 73), und der Sitz der GVL liegt nicht in Hamburg, sondern in Berlin (S. 76). In den Anmerkungen fehlen die Fußnoten der Einleitung, und die Summe des Budgets bei Bsp. 2 auf S. 55 ergibt 110 statt 100 %, was nicht sein kann. Doch diese Errata ließen sich in einer zweiten Auflage mühelos korrigieren und tun der hohen Qualität und dem guten Preis-Leistungsverhältnis des Buches keinerlei Abbruch.