Das Buch war lange indiziert, und wenn man es heute liest fragt man sich nicht lange, warum (im Gegenteil wundert man sich, dass hier einige geschilderte Dinge heute so abgedruckt werden, aber immerhin hat das Buch mit Brief und Siegel das Prädikat "Literatur" erhalten, und die Kunst ist - zum Glück! - frei).
Wer hier einen erotischen Roman im Sinne von leichter, unbeschwerter und anregender Kost erwartet, ist definitv falsch. Hier werden dunkelste menschliche Abgründe geschildert, und Henry Miller macht vor nichts halt. Vor nichts, was nicht auch noch heute als "harte Pornografie" verboten ist per Gesetz. Welche Wucht das Werk im zeitlichen Kontext seines Entstehens gehabt hat, können wir heutigen Leser uns nur vorstellen.
Fakt ist, das Buch ist nichts für Zartbesaitete. Es ist auch nichts für den üblichen Erotikkonsumenten, wohl aber für jene, die sich für Henry Millers Werk interessieren und es komplettieren möchten. Man kommt dann an diesem Pulverfass nicht vorbei. Schockierend bei der Lektüre ist vor allem, dass hier wirklich so finstere Dinge geschildert werden, die trotzdem eine erotische Wirkung nicht verfehlen. Ähnlich wie bei einem Autounfall will man wegsehen ,das Buch wegwerfen, kann aber nicht. Man ist gezwungen, weiterzulesen, um zu erfahren "was nun noch so kommen kann". Und da kommt eine ganze Menge!
Das Werk zwingt den Leser dazu, sich damit auseinanderzusetzen. Man kann es unmöglich lesen und zur Seite legen - man muss darüber nachdenken, über sich selbst, über menschliche Abgründe und Fantasien, die eigentlich nicht sein dürfen und doch allgegenwärtig sind, auch heute.
Aufreibend und nervenzermürbend, aber das Buch ist es wert ,sich damit zu beschäftigen.