Natürlich kommt es bei solch einem Training darauf an, es tatsächlich konsequent durchzuziehen. Bei Ernst Ott's Programm benötigt man dazu ca. 1 Stunde Zeit pro Tag, 30 Tage lang. Wer diese Zeit tatsächlich investiert (45 Minuten Lesen eines beliebigen Buches, Leistung in die Tabelle eintragen + 15 Minuten Übungen im Buch), wird seine Lesegeschwindigkeit tatsächlich um das 2-4fache steigern. Ich habe dieses Programm zweimal absolviert, ebenso mein Mann und mein Schwiegervater. Wir alle haben am Schluss zwischen 120 und 300 Seiten (je nach Buch, ob Roman oder Fachbuch) pro Stunde gelesen statt vorher 60-150. Das Programm beruht entgegen der Behauptung einiger Rezensenten nicht darauf, dass man Texte zu überfliegen lernt. Geübt werden zwei Dinge: 1. Man übt, Wortbestandteile (Phoneme) schneller zu erkennen und sich von der alphabetischen Stufe der Leseentwicklugn zu lösen, auf der viele Menschen nach ihrer Schulzeit stehen geblieben sind. Wer längere Wörter leise mitsprechen muss und die Laute noch aktiv synthetisieren muss, anstatt die Wortbestandteile (z.B. Vorsilbe-Stamm-Endung) auf einen Blick zu erkennen, befindet sich noch auf dieser Stufe. Das ist ganz normales Wissen aus der Lesedidaktik. 2. Man trainiert mit Augengymnastik die Augenmuskulatur. Während die Fähigkeit zum Ganzwort-Lesen (1.) steigt, passt man die körperlichen Fähigkeiten an: mit trainierten Augenmuskeln lassen sich mehrere Wörter auf einen Blick erfassen, für sehr Geübte sogar eine ganze Zeile eines Taschenbuchs.
Hinter diesem Training steht also kein Humbug, keine Psychotricks, sondern fundiertes Fachwissen. Deshalb funkioniert es meiner Meinung nach auch so gut.
Wissen muss man allerdings, dass der Effekt nach etwa 6 Monaten verpufft, wenn man sich beim Lesen nicht regelmäßig an die Regeln erinnert und ab und zu eine Runde Augengymnastik einlegt. Wenn man den Effekt länger als ein halbes Jahr erhalten möchte, sollte man ab und zu die Übungen wiederholen, bei denen man selbst die größten eigenen Schwächen entdeckt hat. Zumindest ist das die Erfahrung aus meiner Familie.
Alles in allem kann ich dieses Buch als Dozentin für Lesedidaktik sehr empfehlen. Bei den negativeren Rezensionen hier frage ich mich, ob die Autoren tatsächlich das Programm konsequent durchgeführt haben oder ob sie eher erwartet hatten, schneller zu lesen könnte man ohne einen gewissen Arbeitsaufwand erreichen.