Jürgen Freiwald versucht mit diesem Buch eine Lücke in der deutschsprachigen Sportwissenschaftliteratur zu schließen. Ein umfassendes Grundlagenwerk zum Dehnungstraining existierte bisher nicht. Tatsächlich ist es Freiwald gelungen, das Thema sehr umfassend anzupacken. Die Qualität, mit der das gelungen ist, kann jedoch nicht befriedigen.
Eine unvollständige Liste der Unzulänglichkeiten:
- Die Darstellung der Themen ist einseitig, aus der Sicht des Autors. Als Leser bekommen Sie Einblick in die Vorstellungswelt von Jürgen Freiwald und nicht etwa einen Einblick in die Vorstellungswelt der Wissenschaft (an der ein paar mehr Kollegen beteiligt sind). Der Autor gibt beispielsweise seine eigene Definitionen als gültigen Standard aus, was nie und nimmer zutrifft. Dass viele Konzepte nur hypothetisch sind, dass sie äußerst kontrovers diskutiert werden, dass es andere, teilweise stark abweichende Definitionen und Konzepte gibt, erfährt der Leser nicht.
- Literaturhinweise im Text sind absolute Mangelware in diesem Buch. Als Leser wird man gezwungen, dem Autor blind zu glauben. Allein dieser Fakt reicht aus, "Optimales Dehnen" als _wissenschaftliches_ Grundlagenwerk zu disqualifizieren.
- Es sind inhaltliche Mängel vorhanden. So wird zum Beispiel die Rolle der Reflexe sehr kritisch betrachtet, was so weit absolut lobenswert ist. Bei den Schlussfolgerungen wird aber übersehen, dass es nicht nur phasische, sondern auch tonische Reflexe gibt. Das verallgemeinerte Ergebnis der Argumentation ist dann entsprechend falsch, weil es nur eine Seite der Medaille berücksichtigt.
- Grafiken werden oft mangelhaft erklärt. Da heißt es "Wie man aus der Abbildung erkennen kann, ..." Woran genau erkennt man das denn? Darüber darf der Leser rätseln. Dazu gibt es formale Flüchtigkeitsfehler, etwa eine unpassende Bildunterschrift oder Fehler beim Übernehmen von Tabelleninhalten aus anderen Quellen. Leider werden dadurch teilweise Tatsachen verdreht (so steht geschrieben, dass die aktive Beweglichkeit in der Regel größer als die passive sei, was genau umgekehrt ist).
- Die zahlreichen Fußnoten scheinen einen einzigen Zweck zu haben: den Leser zu ärgern und möglichst aus der Fassung zu bringen. Sie sind völlig aus dem Kontext gerissen. Da werden etwa Begriffe wie pH definiert, teilweise nachdem es schon im Fließtext geschehen ist, teilweise mehrmals in Fußnoten, teilweise, nachdem der Begriff schon seitenlang gebaucht wurde. Meistens fragt man sich bei den Fußnoten: "Wofür sollte das jetzt gut sein?" Meistens lautet die Antwort darauf: für nichts.
- So sinnlos viele der Randdefinitionen sind, so fehlend sind an anderer Stelle die wirklich benötigten Erläuterungen. Hin und wieder werden seitenlange Tabellen reingeklatscht, randvoll mit medizinischen Fachbegriffen, die außer Medizinern keiner verstehen kann. Der Sportwissenschaftler oder Trainer kann damit absolut nichts anfangen.
- Immer wieder werden Faktoren genannt, die bei der Planung und Durchführung des Dehnungstrainings zu berücksichtigen sind, aber an kaum einer Stelle wird dann auch gesagt, was das konkret bedeutet. Was heißt es denn, eine kürzlich überstandene Verletzung im Training zu berücksichtigen? Soll der ausgeheilte Muskel besonders intensiv gedehnt werden, um den Rückstand wieder aufzuholen? Oder besonders schonend? Doppelt so lang wie ein gesunder Muskel? Der Fantasie des Lesers werden keine Grenzen gesetzt. Für die Praktiker ist das besonders ärgerlich. Sie finden im Buch keine echte Unterstützung.
An sich positiv zu vermerken ist die Themenbreite. Die Betrachtungen beschränken sich nicht auf das Muskelsystem. Immer wieder wird die Bedeutung anderer anatomischer Strukturen hervorgehoben. Der Theoretiker ahnt dadurch, dass es mehr zu beachten gibt, bekommt über das "mehr" aber keinen brauchbaren Überblick. Der Praktiker verliert lediglich seine Handlungsorientierung, weil das bestehende Denkmuster aufgebrochen und für Neues geöffnet wird, aber keine Handlungskompetenz vermittelt wird. Aus dieser Ratlosigkeit heraus kann der Praktiker zurück in alte Gewohnheiten verfallen oder blind mit dem angedeuteten Neuen experimentieren.
Uneingeschränkt positiv hervorzuheben ist das Layout. Großzügige Ränder und die Gliederung in kleine Abschnitte machen das Lesen leicht und angenehm.
Insgesamt ist das Buch als Grundlagenwerk nicht empfehlenswert. Es ist ausführlich in der Themenbreite, aber die inhaltliche Qualität ist nicht ausreichend. Den lichten Momenten in diesem Buch steht zu viel Schatten gegenüber. Ein Blick hinein lohnt sich für Wissenschaftler, die sich mit dem Dehnungstraining beschäftigen. Mit dem nötigen Kompetenzfilter können einige durchaus interessante Anregungen aufgespürt werden (z.B. empirische Befunde zur Reflexaktivität). Für einen guten wissenschaftlichen Überblick kann Michael Alter empfohlen werden (englisch).