"Opiate" betitelt vielsagend die erste Veröffentlichung des Vierers mit Namen Tool, der später einmal als die Vorzeigeband des modernen Prog-Rock seinen Platz in der musikalischen Hall of Fame finden sollte.
Anno 1992 war aber noch nicht viel zu spüren von Feenstaub und toolscher Transzendenz, wie es beispielsweise der letzte Longplayer "Lateralus" darbietet. Die EP, bestehend aus vier Studioaufnahmen und zwei Live-Aufnahmen (die soundmässig durchaus auch zufriedenstellen) besticht im Gegensatz zu besagter Perfektion an musikalischer Feinschnitzarbeit noch durch schroffe Rohheit und kantig aber dennoch präzise dahergerotzte Gitarren in schweren Riffs wobei dem musikalischen Kopf Adam Jones an den sechs Saiten auch hier bei seinen Soli-Ausflügen stellenweise schon Flügel zu wachsen scheinen. Der Bass, den damals noch Paul d'Amour zupfte, kommt bereits in typischer Tool-Manier sehr selbsbewusst rüber und versteckt sich keinesfalls im Hintergrund sondern verleiht dem Gesamtbild eine gewisse bodenständige Schwere und Zähheit. Einen Orden verdient sich bereits auf diesem Album auch das Trommlergenius Danny Carey, der die Musik ebenfalls ungemein prägt durch stampfige Double-Bass-Attacken oder flüssige Drumfills, in die sich dann irgendwann der Rest des Ensembles sanft einbettet, wodurch man die ganze Sache durchaus schon als irgendwie rund bezeichnen kann. Überhaupt muss bereits festgestellt werden, dass die Musiker schon so perfekt aufeinander abgestimmt zu sein scheinen, dass man hinter dem Namen Tool kaum noch vier Musiker sehen will sondern beinahe schon ein einziges audiophiles Ungetüm, dem die Musik aus allen Poren strömt. Alle Instrumente beteiligen sich sehr ausgewogen an der Gestaltung des Gesamtbilds und was auf diese weise schon eine so vor Energie strotzende, umwerfende Mischung ergibt, erhält durch Sänger Maynard James Keenan, den geistigen Kopf der Band, sein I-Tüpfelchen. Der kleine Mann, damals noch mit ensprechend und passend radikalem Irokesenschnitt, weiss durch seine unnachahmliche Leidenschaft, Kraft und auf dieser EP vor allem durch Wut in jeder Situation und Stimmlage zu überzeugen und rundet die Gruppe optimal ab bzw. auf. Ähnlich wie die noch vergleichsweise übersichtlich gehaltenen Instrumente verbleibt auch der Vocalist hier noch bei recht deutlich und unverschlüsselt aus der Seele gebrüllten Statements wie "Fuck You" oder "Shoot You in your fucking head", ohne derartige Anliegen um fünf Ecken herum vernebelt darzustellen wie oft auf späteren Alben. Direkt in's Gesicht. So ist auch eine direkte Identifikation mit der Band bzw. Maynard hier noch recht leicht zu berwerkstelligen, es besteht mehr Nähe zum Hörer.
Insgesamt kommt "Opiate" daher wie eine zusammengestauchte, komprimierte, holzige (wenn man denn so will auch unausgereifte) Version von dem, was später in den Himmel des Alternative Rock gelobt werden wird. Die Songs sind bei weitem unkomplizierter aufgebaut als auf "AEnima" oder "Lateralus", man braucht noch keine fünfminütigen Intros und kommt stattdessen schnell zur Sache, mit stärker konzentrierter Aggression, mehr Dampf und größenteils auch ohne wirkliche Verschnaufpausen, sodass auch das radiokompatible 3-Minuten-Format noch keine Utopie darstellt.
Tool machen auf dieser EP noch mit Abstand den bodenständigsten und solidesten aber auch radikalsten Eindruck und man könnte sich als Klientel auch noch durchaus Biertrinker in Holzfällerhemden vorstellen, wo man später Absinthtrinker in bunten buddhistischen Gewändern assoziiert. "Opiate" macht im Gegensatz zu den späteren Alben wenigstens noch irgendwie den Eindruck, als könne man es irgendwie in einen überschaubaren Rahmen pressen doch im Grunde steckt hierin bereits genug Kraft und Energie, jeden erdenklichen Rahmen zu sprengen und auch das Potential der Musiker ist erkennbar, wobei ihr späterer Werdegang von diesem Album aus noch keineswegs absehbar ist.
Die Anspielhighlights sind für mich "Part of Me", das einen heftig und brutal wie ein Vorschlaghammer ins Gesicht trifft und ordentlich Tempo macht und dann noch der Titeltrack "Opiate", bei dem dann später auch der Opiumjunkie in Holzfällerhemden seinen Platz findet.
Unterm Strich ist das Album ein Muss und es gibt in meinen Augen keine Entschuldigung dafür, diese CD nicht zu besitzen und vor allem im toolschen Discographie-Gesamtkontext ist diese CD das erste Puzzlestück und es passt perfekt.