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Opernball
 
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Opernball [Taschenbuch]

Josef Haslinger
4.3 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (26 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Buch der 1000 Bücher

Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)

Opernball
OA 1995 Form Roman Epoche Moderne
Der erste Roman von Josef Haslinger ist ein anspruchsvoller Politthriller, in dem der Autor die Folgen und Motive eines Blausäure-Anschlags auf den Wiener Opernball schildert. Der Leser verfolgt die Suche des Protagonisten nach den Tätern, die in einen Abgrund krimineller und politischer Verwicklungen führt. Parallel zu diesen Spannungsmomenten zeichnet Haslinger mit Gespür für Zeit und Themen ein fiktives Panorama der österreichischen Gesellschaft, bei deren Lektüre zahlreiche Verweise auf die zeitgenössische Geschichte nahe gelegt werden.
Inhalt: Die Gäste des Wiener Opernballs werden Opfer eines Giftgasanschlags. Der renommierte amerikanische Fernsehjournalist Kurt Fraser beobachtet das Geschehen aus dem Übertragungswagen. Unter den Opfern sieht er seinen Sohn Fred, der auf dem Ball als Kameramann eingesetzt ist. Die Aufzeichnung läuft weiter, weltweit sehen Zuschauer das grauenhafte Sterben tausender Menschen. Das Attentat verändert die politische Landschaft Österreichs: Zahlreiche Politiker sind unter den Opfern des Anschlags, die Verbleibenden entscheiden sich für einen restriktiven Kurs gegenüber den verdächtigten Minderheiten. Fraser begibt sich auf die Suche nach den Tätern und findet sie schließlich im rechtsextremistischen Milieu.
Aufbau: In seinem Roman stellt Haslinger durch Figuren und Milieu zahlreiche Bezüge zur Gegenwart, insbesondere Österreichs, her. Seine Schilderung des Giftgastodes der Besucher des Wiener Opernballs ist drastisch, doch nicht realitätsfremd. Haslinger zeigt den Lesern die Wahrheit über eine Gesellschaft, in der Medien, Politik und Gewalt unlösbar miteinander verbunden sind. In Opernball thematisiert Haslinger die ständige Suche der Medien nach Reality-Katastrophen und wie der Massenmord zu einem Glücksfall für die Journalisten wird. Desillusioniert erzählt der Schriftsteller von rassistischen Polizisten, kriminellen Politikern und Rechtsextremisten aus bürgerlichem Milieu, die von der Gesellschaft toleriert zu dämonischen Propheten des »Dritten Tausendjährigen Reichs« werden.
Der Protagonist des Romans, der Fernsehjournalist Fraser, ist eine ambivalente Persönlichkeit. In Rückblenden erinnert er sich an seine Zeit als Kriegsjournalist und daran, wie er sein Kind zu Gunsten seiner Karriere vernachlässigte. In seinen Recherchen begegnet Fraser Personen, deren Leben mit dem Anschlag verknüpft sind: einem Polizist, der vor der Oper gegen Demonstranten kämpfte, einer Frau, die ihrem Vater mit dem Besuch des Balls seinen letzten Wunsch erfüllte, und schließlich den Attentätern, deren Biografie und Beweggründe er sorgsam aufarbeitet.
Wirkung: Haslinger gilt seit Opernball als der amerikanischste unter den deutschsprachigen Autoren. Sein mit pointiertem Stil packend erzählter Politthriller konnte einen großen Publikumserfolg erzielen. Auch Kritiker sehen in ihm seither einen der talentiertesten zeitgenössischen Romanciers. K. G.

Kurzbeschreibung

Die Gäste des Wiener Opernballs werden zum Ziel eines Terroranschlags. Ein Fernsehjournalist, der die Live-Übertragung aus den Ballsälen koordinieren soll, beobachtet das Verbrechen auf den Monitoren. Sein eigener Sohn ist unter den Opfern. Die Kameras laufen weiter und senden weltweit auf zahllose Bildschirme das Sterben von Tausenden. Der TV-Journalist versucht, von Trauer um seinen Sohn getrieben, die Hintergründe des Anschlags zu klären. Sie sind verworren, von Schlamperei und Zufällen geprägt. Mindestens so verworren wie das Weltbild jener kleinen Gruppe, die das Morden vorbereitete.
Josef Haslingers spannender Medienroman und Politthriller entwirft das Panorama einer vom Terrorismus bedrohten Wohlstandsgesellschaft. Er zeigt die grotesken politischen Widersprüche auf zwischen Liberalität und Bedürfnis nach Sicherheit; den kaum kontrollierbaren Einfluß des Fernsehens auf Alltagsleben und Regierungsentscheidungen sowie das fatale Zusammenwirken von wiederaufflammendem Nationalismus, Fremdenfurcht und politisch motivierter Gewalt.

Klappentext

Der Wiener Opernball: Walzertakt, Prunk, Prominenz und großer Medienrummel. Doch mit der Walzerseligkeit ist es mit einem Schlag vorbei. Eine rechtsradikale Terrorgruppierung richtet unter den Gästen ein brutales Massaker an. Die Fernsehkameras halten gnadenlos drauf, und das Blutbad unter Österreichs Prominenten wird weltweit live in die Wohnzimmer der Zuschauer gesendet. Ein Journalist, der die Übertragung koordinieren soll, muss auf den Bildschirmen mit ansehen, wie sein eigener Sohn zum Opfer des Verbrechens wird. Er will die Wahrheit wissen: Wer steht wirklich hinter diesem brutalen Anschlag? Welche Ziele verfolgt die Terroristengruppe mit ihren wirren Vorstellungen? Und wo war die Polizei?

Josef Haslingers Kriminalroman „Opernball“ (1995) ist eine raffinierte Mischung aus Politthriller und Gesellschaftskritik und zeichnet das schockierende Bild von Medieneinfluss und Gewalt in einer scheinbar heilen Welt. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Über den Autor

Josef Haslinger wurde am 5. Juli 1955 im niederösterreichischen Zwettl geboren. Er war Sängerknabe im Zisterzienserkloster des dortigen Stifts und besuchte ab 1969 das Gymnasium in Horn. Nach der Matura 1973 studierte Haslinger Philosophie, Theaterwissenschaft und Germanistik in Wien. 1973 wurde er Mitherausgeber der Literaturzeitschrift »Wespennest« - und blieb es bis 1992. Mit einer Arbeit über Die Ästhetik des Novalis (in überarbeiteter Fassung 1981 im Hain-Verlag, Königstein, erschienen) promovierte Haslinger 1980 zum Dr. phil. Haslinger arbeitete in den Folgejahren als Wissenschaftler (mit Lehraufträgen und Gastprofessuren in Deutschland, Österreich und in den Vereinigten Staaten), war Mitherausgeber der Gedichte von Hugo Sonnenschein (»Sonka«), veranstaltete internationale Symposien, war von 1986 bis 1989 Generalsekretär der Grazer Autorenversammlung und von 1986 bis 1995 gemeinsam mit Kurt Neumann Organisator der »Wiener Vorlesungen zur Literatur«. Seit 1996 lehrt Haslinger als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Im Jahr seiner Promotion und dem Beginn seiner akademischen Laufbahn trat Haslinger mit seiner ersten literarischen Publikation an die Öffentlichkeit: Der Erzählband Der Konviktskaktus (Autorenedition, München) erschien 1980, fünf Jahre später die Novelle Der Tod des Kleinhäuslers Ignaz Hajek (bei Luchterhand, später wurde das Werk gemeinsam mit einer weiteren Novelle, Die mittleren Jahre, als Fischer Taschenbuch veröffentlicht). Ob mit der Streitschrift Politik der Gefühle. Ein Essay über Österreich (zunächst im Luchterhand Verlag, dann auch als Fischer Taschenbuch) oder mit dem Essayband Das Elend Amerikas. 11 Versuche über ein gelobtes Land (mit diesem Buch wurde Haslinger 1992 Autor des S. Fischer Verlages) - Haslinger mischte sich ein, war und ist immer auch ein eminent politischer Autor. Auch jenseits des Literarischen wurde dies deutlich: 1992 war er Mitbegründer der antirassistischen Plattform »SOS-Mitmensch«. Haslingers kritische Auseinandersetzung mit sozialer und politischer Wirklichkeit kulminierte dann in einem Roman, der 1995 im S. Fischer Verlag erschien: Opernball, literarischer Thriller, politische Provokation und Mediensatire, zielte und traf mit der Wahl des Ausgangspunkts (ein Attentat auf den Wiener Opernball) mitten ins Herz der konservativ-rückwärtsgewandten österreichischen Teilöffentlichkeit. Der Roman wurde ein spektakulärer Erfolg bei Kritik und Lesepublikum und 1998 in einer aufwendigen TV-Inszenierung verfilmt. 1996 veröffentlichte Haslinger den Essay Hausdurchsuchung im Elfenbeinturm (Collection S. Fischer). Josef Haslingers neuester Roman trägt den Titel Das Vaterspiel - , im August 2000 ist der Band bei S. Fischer erschienen. Im Frühjahr 2001 folgte der Essayband Klasse Burschen.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Der Kameramann

Fred ist tot. Die Franzosen haben ihn nicht beschützt. Als die Menschen vernichtet wurden wie Insekten, schaute ganz Europa im Fernsehen zu. Fred war unter den Toten. "Gott ist allmächtig", hatte ich als Kind gehört. Ich stellte mir einen riesigen Daumen vor, der vom Himmel herabkommt und mich wie eine Ameise zerdrückt. Wenn etwas gefährlich oder ungewiß war, hatte Red gesagt: "Die Franzosen werden mich beschützen."

Ich saß damals im Regieraum des großen Sendewagens. Vor mir eine Wand von Bildschirmen. Auf Sendung war gerade die an der Bühnendecke angebrachte Kamera. Plötzlich ging ein merkwürdiges Zittern und Rütteln durch die Reihen der Tanzenden. Die Musik wurde kakophonisch, die Instrumente verstummten innerhalb von Sekunden. Ich schaltete auf die Großaufnahme einer Logenkamera und überflog die Monitore. Die Bilder glichen einander. Menschen schwanken, stolpern, taumeln, erbrechen. Reißen sich noch einmal hoch, können das Gleichgewicht nicht halten. Stoßen ein letztes Krächzen aus. Fallen hin wie Mehlsäcke. Einige schreien kurz, andere länger. Ihre Augen sind weit aufgerissen. Sie sehen, sie spüren, daß sie ermordet werden. Sie wissen nicht, von wem, sie wissen nicht, warum. Sie können nicht entkommen. Als es geschah, fand ich Fred nicht auf den Bildschirmen. Er war der einzige Gedanke, an den ich mich erinnere. Die Aufzeichnung bewies mir jedoch, daß ich routinemäßig noch ein paar andere Kamerapositionen abgerufen hatte, bevor mir die Hände versagten. Millionen von Menschen aus ganz Europa schauten den Besuchern des Wiener Opernballs beim Sterben zu.

Fred wurde erst mein Sohn, als er siebzehn Jahre alt und heroinsüchtig war. Damals begann ich, um ihn zu kämpfen. Er gewann sein Leben zurück. Er wollte es festhalten. Er war sich selbst keine Gefahr mehr. Er hatte Tritt gefaßt. Und dann wurde er ermordet. Wir alle sahen zu und konnten nichts tun.

Um mich herum ein paar Techniker. Einer von ihnen war geistesgegenwärtig genug, mein Regiepult zu übernehmen. Die bemannten Kameras lieferten bald nur noch Standbilder, auf denen nacheinander die Bewegungen erstarrten. Stumme Aufnahmen von glitzernden, hohen Räumen, übersät mit Toten. Fotos von Menschen in Ballkleidern, die bunt durcheinander in Erbrochenen liegen, umrankt von Tausenden rosa Nelken. -Die drei automatischen Kameras fingen wieder zu schwenken an. Vergeblich suchten sie nach Anzeichen von Leben. Neben mir sprach einer französisch. Ich schwankte hinaus in den Lärm. Ich dachte, ich müsse Fred retten. Draußen herrschte Chaos. lch drängte mich durch die Menge, bis ich in die Nähe des Operneingangs kam. Da sah ich, daß es nichts gab, was ich für Fred noch hätte tun können. Als ich in den Sendewagen zurückkam, erfuhr ich, daß Michel Reboisson, der Chef von ETV, nach mir verlangt hatte.

ETV blieb europaweit auf Sendung. Eine unerträgliche Stille. Nur zwei Kameras waren ausgefallen. Die anderen lieferten weiter ihr jeweiliges Standbild. Sie wurden in langsamer Folge auf Sendung geschaltet. Jemand schrie ins Telefon: "Musik, wir brauchen Musik!"

Wir hatten keine geeignete Aufnahme im Sendewagen. Nach einer Welle wurde vom Studio aus, wo es in dieser Nicht nur einen technischen Notdienst gab, das Violinkonzert von Johannes Brahms eingespielt. Der Streit darüber, ob dies die richtige Musik sei, dauerte bis gegen Ende des zweiten, Satzes. Dann wurde das Violinkonzert unterbrochen. Es gab Durchsagen der Polizei und der Feuerwehr. Währenddessen wurde Mozarts Requiem gefunden. Wir blieben auf Sendung. Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis die Kameras auf den mit Leichen verstopften Korridoren der Wiener Staatsoper wieder Leben einfingen - Männer mit signalroten Schutzanzügen und Gasmasken.

Ich sah den Massenmord auf zwanzig Bildschirmen gleichzeitig. Mein einziger Gedanke: Fred ist nicht dabei. Ich finde ihn nicht. Er hat eine neue Kassette geholt., Er ist auf die -Toilette gegangen. Fr hat Kamera fünf seinem Assistenten überlassen, ist rauchen gegangen. Fred ist starker Raucher. Er ist nicht im Saal. Und doch sehe ich, wie er den Mund aufreißt, wie er auf die am Boden liegende Frau fällt. Ich sehe seinen leblosen Körper, das Erbrochene das aus seinem Mund auf das weiße Abendkleid herabrinnt. Ich sehe, wie es seinen Kopf mit einem Ruck nach hinten reißt, wie er über die Balkonbrüstung stürzt. Ich sehe, wie sein Gesicht in einem Teller aufschlägt. Ich sehe, wie sich sein Körper zusammenkrampft. Ich sehe, wie er auf der Feststiege zertrampelt wird. Ich kann Fred nicht finden.

Nur noch drei Kameras werden bewegt. Kamera fünf zoomt. Das muß sein Assistent sein. Fred hat -die Situation erkannt und ist fortgelaufen. Fred ist nicht mehr in der Oper. Die Franzosen haben ihn beschützt. Er wurde draußen auf der Ringstraße gebraucht. Er kennt sich bei Hebekränen gut aus. Kamera fünf bewegt sich nicht mehr. Sie zeigt eine Loge mit Toten. Fred, wo bist du? Die letzte Kamera stellt die Bewegung ein. Nur noch starre Bilder von starren Körpern. Die amplifier der Saalmikrophone zeigen kaum noch Ausschläge. Fred liegt irgendwo unter den Leichenbergen. (...)

Auszug aus Opernball. von Josef Haslinger. Copyright © 1997. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Der Kameramann

Fred ist tot. Die Franzosen haben ihn nicht beschützt. Als die Menschen vernichtet wurden wie Insekten, schaute ganz Europa im Fernsehen zu. Fred war unter den Toten. "Gott ist allmächtig", hatte ich als Kind gehört. Ich stellte mir einen riesigen Daumen vor, der vom Himmel herabkommt und mich wie eine Ameise zerdrückt. Wenn etwas gefährlich oder ungewiß war, hatte Red gesagt: "Die Franzosen werden mich beschützen."

Ich saß damals im Regieraum des großen Sendewagens. Vor mir eine Wand von Bildschirmen. Auf Sendung war gerade die an der Bühnendecke angebrachte Kamera. Plötzlich ging ein merkwürdiges Zittern und Rütteln durch die Reihen der Tanzenden. Die Musik wurde kakophonisch, die Instrumente verstummten innerhalb von Sekunden. Ich schaltete auf die Großaufnahme einer Logenkamera und überflog die Monitore. Die Bilder glichen einander. Menschen schwanken, stolpern, taumeln, erbrechen. Reißen sich noch einmal hoch, können das Gleichgewicht nicht halten. Stoßen ein letztes Krächzen aus. Fallen hin wie Mehlsäcke. Einige schreien kurz, andere länger. Ihre Augen sind weit aufgerissen. Sie sehen, sie spüren, daß sie ermordet werden. Sie wissen nicht, von wem, sie wissen nicht, warum. Sie können nicht entkommen. Als es geschah, fand ich Fred nicht auf den Bildschirmen. Er war der einzige Gedanke, an den ich mich erinnere. Die Aufzeichnung bewies mir jedoch, daß ich routinemäßig noch ein paar andere Kamerapositionen abgerufen hatte, bevor mir die Hände versagten. Millionen von Menschen aus ganz Europa schauten den Besuchern des Wiener Opernballs beim Sterben zu.

Fred wurde erst mein Sohn, als er siebzehn Jahre alt und heroinsüchtig war. Damals begann ich, um ihn zu kämpfen. Er gewann sein Leben zurück. Er wollte es festhalten. Er war sich selbst keine Gefahr mehr. Er hatte Tritt gefaßt. Und dann wurde er ermordet. Wir alle sahen zu und konnten nichts tun.

Um mich herum ein paar Techniker. Einer von ihnen war geistesgegenwärtig genug, mein Regiepult zu übernehmen. Die bemannten Kameras lieferten bald nur noch Standbilder, auf denen nacheinander die Bewegungen erstarrten. Stumme Aufnahmen von glitzernden, hohen Räumen, übersät mit Toten. Fotos von Menschen in Ballkleidern, die bunt durcheinander in Erbrochenen liegen, umrankt von Tausenden rosa Nelken. -Die drei automatischen Kameras fingen wieder zu schwenken an. Vergeblich suchten sie nach Anzeichen von Leben. Neben mir sprach einer französisch. Ich schwankte hinaus in den Lärm. Ich dachte, ich müsse Fred retten. Draußen herrschte Chaos. lch drängte mich durch die Menge, bis ich in die Nähe des Operneingangs kam. Da sah ich, daß es nichts gab, was ich für Fred noch hätte tun können. Als ich in den Sendewagen zurückkam, erfuhr ich, daß Michel Reboisson, der Chef von ETV, nach mir verlangt hatte.

ETV blieb europaweit auf Sendung. Eine unerträgliche Stille. Nur zwei Kameras waren ausgefallen. Die anderen lieferten weiter ihr jeweiliges Standbild. Sie wurden in langsamer Folge auf Sendung geschaltet. Jemand schrie ins Telefon: "Musik, wir brauchen Musik!"

Wir hatten keine geeignete Aufnahme im Sendewagen. Nach einer Welle wurde vom Studio aus, wo es in dieser Nicht nur einen technischen Notdienst gab, das Violinkonzert von Johannes Brahms eingespielt. Der Streit darüber, ob dies die richtige Musik sei, dauerte bis gegen Ende des zweiten, Satzes. Dann wurde das Violinkonzert unterbrochen. Es gab Durchsagen der Polizei und der Feuerwehr. Währenddessen wurde Mozarts Requiem gefunden. Wir blieben auf Sendung. Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis die Kameras auf den mit Leichen verstopften Korridoren der Wiener Staatsoper wieder Leben einfingen - Männer mit signalroten Schutzanzügen und Gasmasken.

Ich sah den Massenmord auf zwanzig Bildschirmen gleichzeitig. Mein einziger Gedanke: Fred ist nicht dabei. Ich finde ihn nicht. Er hat eine neue Kassette geholt., Er ist auf die -Toilette gegangen. Fr hat Kamera fünf seinem Assistenten überlassen, ist rauchen gegangen. Fred ist starker Raucher. Er ist nicht im Saal. Und doch sehe ich, wie er den Mund aufreißt, wie er auf die am Boden liegende Frau fällt. Ich sehe seinen leblosen Körper, das Erbrochene das aus seinem Mund auf das weiße Abendkleid herabrinnt. Ich sehe, wie es seinen Kopf mit einem Ruck nach hinten reißt, wie er über die Balkonbrüstung stürzt. Ich sehe, wie sein Gesicht in einem Teller aufschlägt. Ich sehe, wie sich sein Körper zusammenkrampft. Ich sehe, wie er auf der Feststiege zertrampelt wird. Ich kann Fred nicht finden.

Nur noch drei Kameras werden bewegt. Kamera fünf zoomt. Das muß sein Assistent sein. Fred hat -die Situation erkannt und ist fortgelaufen. Fred ist nicht mehr in der Oper. Die Franzosen haben ihn beschützt. Er wurde draußen auf der Ringstraße gebraucht. Er kennt sich bei Hebekränen gut aus. Kamera fünf bewegt sich nicht mehr. Sie zeigt eine Loge mit Toten. Fred, wo bist du? Die letzte Kamera stellt die Bewegung ein. Nur noch starre Bilder von starren Körpern. Die amplifier der Saalmikrophone zeigen kaum noch Ausschläge. Fred liegt irgendwo unter den Leichenbergen. (...)

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