Die Sopranistin Julia Lezhneva, Jahrgang 1989, gab letztes Jahr ihr Debüt bei den Salzburger Festspielen, wo sie, begleitet vom Mozarteum Orchester Salzburg unter der Leitung von Marc Minkowski, unter anderem Mozarts Mottete "Exsultate, Jubilate" zu einer gefeierten Aufführung brachte.
Nun liegt ihr Debüt-Album vor, ihr Begleiter ist wieder Marc Minkowski, dieses Mal mit der Sinfonia Varsovia und dem Kammerchor der Warschauer Oper. Das Album widmet sich Arien von Gioachino Rossini aus seinen Opern "L'assedio di Corinto", "La donna del lago", "Otello", "Semiramide" und "Guillaume Tell".
Ich hatte das Glück, Ihr Debüt in Salzburg vor Ort live miterleben zu dürfen, war sehr angetan und habe daher dieses Album mit Spannung erwartet. Julia Lezhneva hat für meinen Geschmack eine wunderschöne, wohlklingende Stimme, ihr technisches Vermögen ist bereits sehr gut ausgefeilt, ihr Gesang wirkt natürlich und unangestrengt, Vibrato setzt sie sparsam ein und so hat mir auch das Anhören dieser CD sehr viel Freude bereitet.
Natürlich gibt es noch viel Entwicklungspotenzial für das Nachwuchstalent. Passagenweise singt sie eine Spur zu leise, ob das ein Mangel an Volumen, ein tontechnischer Fehler oder ein Fehler des Dirigenten ist, der das das Orchester etwas hätte bremsen müssen, übersteigt meine Beurteilungskompetenz. Es ist auch kein gravierender Effekt. Ich habe nur einige Arien zum Vergleich von Joyce DiDonatos "Colbran, the muse"-Album herangezogen und da ist mir aufgefallen, dass Frau di Donato etwas vordergründiger im Gesamtklang wirkt. Auch was Ausdrucksstärke, Temperament und den schauspielerischen Teil des Gesangsvortrags betrifft ist noch Entwicklungspotenzial. Frau Lezhneva ist diesbezüglich noch ein wenig zu zurückhaltend. Am besten gelingen ihr meines Erachtens lyrische, innige Passagen. Eine vollausgereifte Gesangsdarbietung von einer jungen, knapp über 20 Jahre alten Sängerin zu erwarten wäre allerdings vermessen, würde ich ihn kriegen würde es mir vielleicht gar als unnatürlich erscheinen. Der Vergleich mit der 20 Jahre älteren Joyce DiDonato ist insofern von der Grundidee schon hinterfragenswürdig (davon abgesehen, dass Mezzo und Koloratursopran natürlich immer unterschiedlich klingen).
Die Orchesterleistung finde ich sehr gut. Marc Minkowski ist ein Dirigent mit viel Opernerfahrung und auch viel Praxis im Bereich der Alten Musik. Beides hat ihn geschult, auf Zusammenarbeit zu setzen und sensibel auf seine Solisten einzuehen. Das kommt auch Julia Lezhneva zugute. Der Kammerchor der Warschauer Oper macht seine Sache ebenfalls sehr gut, wobei mir im Vergleich zum Album von Frau DiDonato aufgefallen ist, dass es eben noch etwas klarer und temperamentvoller geht. Ich will das nicht zum großen Mangel hochstilisieren, aber ich denke, es ginge noch ein wenig besser.
Eine Einschätzung, wo in der Rossini-Sopran-Diskographie sich diese CD einreiht kann ich mangels Übersicht über diese nicht mal ansatzweise leisten. Mein Eindruck ist, dass dem Rossini- und Sopranfreund diese CD viel Freude bringen wird und ihn Bekanntschaft mit einem vielversprechenden Nachwuchstalent schließen lässt. Daraus abzuleiten, dass diese CD ein Muss ist hielte ich allerdings für gnadenlos übertrieben und der Superlativinflation der Marketing-Abteilungen möchte ich mich nicht anschließen. Es ist einfach eine richtig schöne CD!
Wir werden sicher noch viel von Julia Lezhneva hören? Das weiß ich nicht, aber das will ich hoffen. Hoffentlich nicht zu viel. In den letzten Jahrne haben wir Klassikfreunde ja z.B. sehr viel von Rolando Villazon gehört und gelesen und das war nicht nur Gutes. Ich kann nur hoffen, dass die Erwartungen an Julia Lezhneva auf ein kluges Management treffen und sie ihre herrlich schöne Stimme nicht durch zu viele Auftritte kaputtsingt, ihr Auszeiten gegönnt werden, die dann nicht hämisch kommentiert werden wie dies z.T. beispielsweise bei Elina Garanca geschehen ist. Es wäre schade, natürlich um den Menschen Julia Lezhneva, aber auch um diese herrliche Stimme!