„Operation Rot-Grün“ ist spannender zu lesen als so mancher Roman. Und das, obwohl man ja eigentlich weiß wie es ausgeht. Der gnaden- und rücksichtslose Machtkampf der Spitzenpolitiker ist abstoßend und faszinierend zugleich.
Die drei Reporter des Spiegels rasen auf 330 Seiten durch sechseinhalb Jahre bundesrepublikanische Politik. Dabei versuchen sie erst gar nicht eine distanzierte und ausgewogene Bewertung von Rot-Grün zu liefern, sondern gestalten die jüngste Geschichte der Berliner Republik zu einem wahren Politikkrimi aus der Sicht der Hauptdarsteller.
Der lange Weg der 68er an die Spitze der Republik beginnt 1983 in der Bonner Kneipe „Provinz“, wo sich die Nachwuchspolitiker Schröder, Fischer und Schily treffen, um vom Alkohol beschwingt von der Macht zu träumen. 15 Jahre später wird Gerhard Schröder ohne Plan, ohne Konzept zum Kanzler gewählt, da die Bevölkerung Helmut Kohl überdrüssig ist. Die persönlichen Abneigungen und konzeptionellen Unterschiede der drei Protagonisten (Schröder, Lafontaine, Müntefering) werden bewusst verschwiegen, um im Wahlkampf Harmonie vorzutäuschen.
Dies ist der Hintergrund der katastrophalen ersten sechs Monate von Rot-Grün. Mitreißend beschreibt „Operation Rot-Grün“ das brutale innerparteiliche Mobbing von allen Beteiligten, was schließlich zu Lafontaines Rücktritt führt.
So emotional geht es weiter. Es ist amüsant zu lesen, wie Schröder in den Kabinettssitzungen Hans Eichel mit „Hans, nun lass mal gut sein“ abkanzelt oder die Frau von Peter Struck den Kanzler anschnauzt „Wir brauchen dich nicht. Für den Peter geh ich auch putzen“.
Die Frage ist nur: Was ist wahr und was haben die Autoren nur erfunden, um den Unterhaltungswert zu erhöhen. In den unzähligen Zitaten, teilweise aus Vier-Augen Gesprächen der Politiker, gibt es keinen einzigen Hinweis, wie man an diese vertraulichen Informationen gekommen ist. Das stört zwar das Lesevergnügen nicht (das Gegenteil ist der Fall). Der Leser sollte aber nie vergessen, dass es sich bei „Operation Rot-Grün“ nicht um einen Tatsachenbericht, sondern lediglich um eine unterhaltsame Mischung aus Fiktion und Wahrheit handelt.