(Liebe Leser, die Bewertung wurde zu lange. Dafür bitte ich um Verständnis. Es ist ein Thema das mich sehr beschäftigt.)
Zum zweiten Mal hat Ex-BW-Soldat Achim Wohlgetan seine Erlebnisse bei einem Einsatz für die Bundeswehr in Afghanistan zu Papier gebracht.
Interessanter fand ich - das also vorweg - sein erstes Buch:
Endstation Kabul: Als deutscher Soldat in Afghanistan - ein Insiderbericht. Trotzdem habe ich OPERATION KUNDUS geradezu verschlungen - und kein Blatt bereut.
In OPERATION KUNDUS geht es zunächst darum, was für ein infantil anmutendes Gerangel innerhalb eines BW-Verbandes entstand, als es um die Entsendung des Vorausteams nach Kundus ging. Wohlgetan gehörte jenem Team an, das 2003 als erstes in Kundus (abgesehen von Amerikanern, die dort bereits präsent waren) eintraf, dort Erkundungen der Lage durchführen sollte und sich auch um den Aufbau und Sicherung des Lagers kümmern sollte. Was dabei alles geschah, erlebt man dank seiner subjektiv-emotionalen Schreibe hautnah - in einer Art Tagebuch-Form - mit. Hin und wieder regt seine subjektive Art mich auch auf. "Sachlich bleiben" dürfte für Achim wohlgetan, angesichts der Erlebnisse auch nicht einfach sein - bzw. unmöglich. Das beweist er eindrücklich. ;-)
Nun muss man aus heutiger Sicht sagen, dass im Jahr 2003 in Relation zu heute noch eher so was wie RUHE herrschte in dieser Region. Sicherheitsrisiken, auch solche die rechtzeitig aufgezeigt wurden und behoben hätten werden können, wurden damals - vermutlich weil man die Erfahrung noch nicht hatte - in kauf genommen. Man kann nur hoffen, dass die BW mittlerweile aus solchen Pannen etwas gelernt hat. Was die Bürokratie betrifft und die Sache mit der Waffe und der Munition (wer's gelesen hat, wird es vielleicht nur müde belächeln) - kann ich aus heutiger Sicht nur bestätigen, dass sich nichts geändert hat.
Wer versucht in die Haut des Soldaten/ Polizisten zu schlüpfen der in einem Tingeltangelbus und unbewaffnet durch ein Krisengebiet kutschiert wird, wird vielleicht mitfühlen können, dass so jemand durchaus ungehalten wird und Panik bekommt.
Erschwerend kommt mittlerweile nun noch dazu, dass die Lage in Afghanistan keinen Deut besser wurde und die Friedensmission laut Medienberichten keine solche mehr ist. Aus erster Hand erfährt man so gut wie nichts. Und ein aktiver BW-Soldat hätte das was Wohlgetan schrieb wohl kaum unter einem Namen abliefern können.
Medienberichterstatter (ich habe da einen aktuellen Bericht im Stern im Sinn) schreiben dramatische Geschichten, allerdings untermalt mit so genannten Fakten auf Bild-Zeitung - Niveau; was ich hochgradig ärgerlich finde! Fakt ist, dass die Lage dort nie besser wurde. Tatsache sind aber auch solche kleinen Geschichten, wie Wohlgetan sie in sein Buch eingepflegt hat, in dem man durchaus Verständnis für den Zulauf bei den Taliban gewinnen kann.
Das Hauptaugenmerk in OPERATION KUNDUS liegt bisweilen auf dem Zwist innerhalb des Bundeswehr-Verbandes, dem Wohlgetan angehört. Inkompetente Führungskräfte werden logischer Weise am Rad drehen, wenn sie Wohlgetans Buch lesen. Mich hat das eine Weile aufgeregt beim Lesen. Sehr aufgeregt. Das gebe ich ehrlich zu.
Da ich mittlerweile aber aus erster Hand berichtet bekomme, wie belastend "Unruhe" in der Truppe sein kann und sich auswirken kann - so nichts dagegen unternommen wird - ist auch dieses Thema ein sehr wichtiges. Man kann aus Fehlern lernen. Wohlgetan zeigt Fehler auf (auch solche an denen er Anteil hatte). Insofern klingt an einigen Stellen auch ganz leise eine Art Selbstkritik durch.
Nicht zuletzt widmet Wohlgetan einige Passagen seiner damaligen Beziehung; seiner Lebenspartnerin und deren Tochter. Auch hier ist es für mich hochinteressant die Art der Kommunikation in dieser seltsamen Fernbeziehung aus seiner Sicht erzählt zu bekommen.
Ganz zuletzt erfahre ich über das deprimierende Ende der "Operation" und die psychischen Folgen die sich daraus ergaben. Bemerkenswert ist es, wie offen Wohlgetan darüber sprechen kann. Da fällt mir nur ein: Respekt!
Was mich geärgert hat an dem Buch ist, dass Wohlgetan (oder macht so was ein Lektor) ständig von Soldaten und Soldat_innen_ spricht. Für meine Begriffe ist es unnötig ständig SoldatINNEN zu erwähnen. Politische Korrektheit hin oder her, das ist doch Käse.
Soweit ich mich an Heike Groos Worte in ihrem Buch
Ein schöner Tag zum Sterben: Als Bundeswehrärztin in Afghanistan erinnere, wird innerhalb der Truppe nie von SoldatINNEN gesprochen.
Da wir hierzulande kaum etwas UNGESCHÖNTES mitbekommen von den Einsätzen der Soldaten, Polizisten und anderer Hilfs- und Sicherheitskräfte in Afghanistan, halte ich OPERATION KUNDUS auf jeden Fall für besonders (!) lesenswert. - Es mag sich jeder sein eigenes Bild machen von der Dramatik aber auch den Ärgernissen die ein Soldat mitmacht. Genau dazu ist das Buch geeignet und liest sich zudem sehr sauber runter.
Ebenso empfehlenswert sind auch die Bücher:
Ein schöner Tag zum Sterben: Als Bundeswehrärztin in Afghanistan, von Heike Groos
Kabul, ich komme wieder, von Boris Barschow (dem hätte man einen besseren Verlag/ Lektor gewünscht).