Ton Koopman hat ein wunderbares Vorhaben in Gang gesetzt: alle Werke von Buxtehude zu präsentieren. Da ich die ca. 125 Vokalwerke dieses Komponisten für hochzuschätzende Perlen halte und sie schon seit Jahren fleißig sammle, begrüße ich Koopmans Absicht einer Gesamtaufnahme mit Inbrunst, denn die verschiedenen bisher erschienenen Produktionen nehmen immer wieder besonders die "beliebteren" Werke auf; das führt zu vielen Dubletten, während manches Stück bis heute uneingespielt blieb.
Warum bin ich also nicht glücklich mit dieser CD? Ganz einfach: Es erweist sich, dass fast immer, wenn ich vergleichend andere Interpretationen gegen Koopmans Lesart höre, die anderen deutlich besser sind. Nur einige Beispiele:
Warum lässt Koopman seine Sänger/innen so abgehackt und affektiert durch das "Nichts!nichts!nichts!" der Kantate Nr. 77 rasen, wo andere Ensembles ein wirkliches Nichtvorhandensein illustrierendes "Nichts... nichts... nichts" hinbekommen?
Weshalb wechselt Koopman in der Kantate Nr. 41 andauernd das Tempo, die erste Strophe kaugummiartig tranig, das Schluss-Amen verhuscht, dazwischen mal so, mal so? In der Partitur steht davon in diesem Maße nichts.
Aus welchem Grunde geht in unseren 2000er-Jahren bei einem renommierten Alte-Musik-Spezialisten eine Aufnahme durch, in der der Chorsopran wiederholt weder sauber einsetzt noch gemeinsam abspricht (ebenfalls Anfang von Nr. 41)? Das ist inakzeptabel.
Überhaupt die Nr. 41, eine der eigentlich schönsten Kantaten der Barockliteratur. Woher nimmt der Dirigent das Recht, Pauken hinzu zu erfinden, und die Trompeten, die Buxtehude als einmaligen Effekt in der 3. Strophe einsetzt, am Ende wieder hinzuzusetzen, so dass der strahlende Schluss in albernen Bombast überkippt? In einer Live-Aufführung kann man solcherlei gerne ausprobieren, aber eine CD ist ja auch "für die Ewigkeit".
Ansonsten leisten die Sänger/innen und das Orchester gute Arbeit, besonders die Streicher wissen hervorragend zu intonieren. Manche Merkwürdigkeit wie die gestopften Blechblasinstrumente in Nr. 116 erläutert das Beiheft nicht, so dass ich ohne weitere Quellen nicht sagen kann, ob Buxtehude das wirklich so wollte oder ob es sich nur um eine weitere Eigenmächtigkeit Koopmans handelt.
Zusammenfassung: Als Buxtehude-Junkie werde ich die Serie weiter kaufen, aber langsam bin ich es herzlich leid, Werke, die ich schon anderweitig kenne, in Koopmans Interpretation zu hören.