"Kaum hat sie sich gebildet, pellt die Haut der Geschichte sich schon als Film ab." (André Bazin)
Winter 1944/45: Beschreibung des Terrors, den die deutsche Wehrmacht an der römischen Zivilbevölkerung verübt, nachdem Italien sich vom 3. Reich als Verbündeter losgesagt hatte. "Wann wird dieser Winter endlich vorbei sein?" fragt Anna Magnani am Vorabend ihrer Hochzeit mit Francesco, ihrem Wohnungsnachbar, dem Untergrundkämpfer. Und Francesco antwortet ihr: "Bald. Und dann kommt der Frühling, und er wird schöner sein als je zuvor, denn wir werden frei sein." Nein, Anna Magnani stirbt am nächsten Morgen als die Nazis ihren Bräutigam abholen. Die Kamera-Einstellung, in der sie dem Gestapo-Laster hinterherrennt und erschossen wird, ist Filmgeschichte und Welterbe. "Rom offene Stadt", ein Episodenfilm aus den letzten Kriegsmonaten. Zartfühlend, auch brutal und gnadenlos. Niemand ist letzten Endes ein Held. Aber es wird auch nichts verziehen werden. Am Ende sehen die Kinder ihren geliebten Priester sterben. Und gehen schweigend davon, in ihre Zukunft eines vermeintlich erneuerten Italiens und Europas. Von heute aus gesehen kommen einem dabei die Tränen.
"Rom offene Stadt" ist ein Monument jener Weltsekunde, in der das neue realistisch-leichtfüssige, gleichzeitig themenschwere Kino der europäischen Nachkriegszeit geboren wurde. Ein hochvitales Kino, ein Kino, das dokumentarischen Mitteln und der Wirklichkeit verpflichtet war. Vielleicht kann man bei Roberto Rossellini auch von einem transzendierten Wirklichkeitssinn sprechen, einem Gefühl für die Essenz des "Wirklichen", das er in seinen Filmen bannen wollte. Hier ist er auf jeden Fall zum ersten Mal in absoluter Hochform. Gedreht im Frühling 45, unmittelbar nach den Ereignissen, die der Film schildert. Ein paar allzu niedliche Genreszenen gibt es in "Roma" vielleicht, ein wenig Kitsch- der so unkitschig gehalten wird wie es nur irgend geht. Noch spürt man in der Inszenierung für Sekunden das alte italienische Kino der Vorkriegszeit, das Dramolett, das Melodram, die italienische Folklore mit süssen Kleinen und mit Treppenhaus-Romanzen. Die Naziszenen im Studio haben dagegen etwas geziert- homoerotisch-Trashiges. Was einerseits von den Darstellern seltsam faszinierend gespielt ist, andererseits in der Schlichtheit seiner Psychologie doch irritiert, wenn man daraus den Schluss ziehen soll, daß Rossellini die männliche und weibliche Homosexualität als eine Quelle des Bösen ansah. "Roma" ist jedenfalls das Vorspiel, der Auftakt zu dem einmaligen Werk, das Rossellini danach schuf. Seine epochale Grösse als Regisseur zeigte sich erst mit dem nächsten Film: "Paisá". Trotzdem: auch bei "Roma" spürt man- vor allem in den Aussenszenen- schon deutlich den Sturm, der von hier ausgehend das europäische Kino durchrütteln würde bis hin zu den ersten Jahren der Nouvelle vague. Rossellini, der Urvater des freien Kinos. Manchmal ist er auch nachlässig und am Kino selbst mit all seinen verwitterten Mythen und Konventionen nur mässig bis völlig desinteressiert. Umso unschuldiger und somit kraftvoller sind seine grossen Szenen.
Zu der DVD gibt es hier noch das liebevolle Begleitbuch von David Forgacs über die unglaubliche Entstehungsgeschichte des Films, erstmals und bislang einmalig in Deutsch. Und auf der DVD eine Dokumentation über Rossellini, während er seinen letzten Film "Messias" drehte (1975). Übrigens eine Sendung aus der fabelhaften Reihe "Personenbeschreibung" von Georg Stephan Troller, also selbst schon ein Stück Fernsehgeschichte. Und noch ein Extra gibt es, in dem die Schnitt -und Synchron-Änderungen des Films in seiner deutschen Erstfassung gegenüber dem italienischen Original demonstriert werden. Man sieht daran: Schon kurz nach dem Krieg hatte niemand mehr bei uns Schuld an der vorangegangenen Katastrophe und niemand hatte mehr daran Interesse, von den Wahrheiten des Kriegs zu lernen.
Wer wissen will, wie es mit dem Weltmeister Roberto Rossellini fimisch weiterging, der sollte sich die 4er-DVD von Kochmedia besorgen, mit "Paisá", "Deutschland im Jahre null", "Stromboli" und "Reise nach Italien".