Wie ein Rezensent aus der 1-Stern-Zone auch, hatte ich das Buch nach 50-70 Seiten weglegen mögen, denn es ging gehörig auf die Nerven. Zum einen war da die Handlung, die nicht ins Rollen kam, zum anderen wollte/mußte Autor Schulz unbedingt aller Welt zeigen, daß er Arno Schmidt gelesen hat und sich zu seiner Schülerschar gesellt. Frank Schulz läßt keine Volte aus, um nicht noch aus einem Wort/einer Wendung einen überflüssigen Witz herauszuholen, oder der Welt zu zeigen, wie gut er Bescheid weiß. Auch langweilte mich die allzu detaillierte/behäbige Darstellung des Alt-Herren-Tischtennisvereinsmilieus und die pseudo-forensische Genauigkeit besonders des ersten Videos. Das Buch wäre möglicherweise besser, hätte man es um 20 oder 30 Seiten gekürzt - wenn es möglich wäre, ohne die fein tarierten Zusammenhänge zu gefährden. Denn, das muß gesagt werden, das Buch ist sehr gut durchdacht, der Autor kein Dilettant, sondern ein höchst bemerkenswertes Talent, der weiß, was er tut, aber bisweilen über das Ziel hinausschießt.
Ich gebe der Werbung auf dem Schutzumschlag recht: Frank Schulz hat geradezu aufsehenerregendes Potential. Er könnte eine Literatur im (moderaten) Arno-Schmidt-Stil aus der unverdienten Spinner- oder Connoisseur-Ecke zu DEM Ort machen, an dem in der deutschen Literatur etwas geschieht.
Zu Ende gelesen habe ich das Buch dann doch, und wurde belohnt. Der übertriebenen Pedanterie der Beschreibung entspricht nämlich eine ins Äußerste gesteigerte Fähigkeit, Milieus darzustellen und Charaktere zu modellieren. Daß Onno Viets, die Hauptperson, ein wenig farblos bleibt, entspricht nämlich genau seiner Existenz, und auf subtile Weise bemerkt der Leser, daß die Sympathie des Autors (und dann des Lesers) eigentlich Fiona und Tibor gilt, und daß eigentlich sie die Opfer sind. Deutlich wird das vor allem in den Mallorca-Villa-Kapiteln, aber auch in Video 4. Es ist eine geradezu schmerzende Geschichte von Liebe, Vertrauen und Verrat, aus der Onno Viets zwar noch lebend, aber nicht als Held hervorgeht.