Es gibt zwei Alben, auf die ich schon sehnsüchtig seit Jahren warte, einmal Dr. Dres "Detox" und Raekwons "Only Built 4 Cuban Linx Pt. II", zwei Alben, die völlig unterschiedliche Musik versprechen, da Dr. Dre den typischen West-Coast-Sound entwickelt und Raekwon die typische New-Yorker East-Coast-Musik. Nun habe ich endlich die CD bekommen und höre seitdem nichts anderes mehr (obwohl ich bereits ca. eine Woche vorher schon viele Tracks im Internet hören konnte). Meine Erwartungen waren riesig, der erste Teil gehört zu den drei besten Hip-Hop Alben, die ich je gehört habe und ich habe mir nichts eindringlicher gewünscht, als eine qualitativ gleichgestellte Fortsetzung und, um das vorweg zusagen, die habe ich im Großen und Ganzen auch bekommen.
Zwischen 1995 und 2009 liegen knapp 15 Jahre, seitdem hat sich viel verändert und eine CD, die genau wie der erste Teil klingen soll, kann man nicht erwarten. Wie denn auch, soll Raekwon, der jetzt in Atlanta lebt (glaube ich zumindest), wieder irgendwas über das Strassenleben in New York berichten? Soll der fast 40 Jahre alte Rapper immer noch so rebellisch abgehen wie in der Veragangeheit? Soll er davon reden wie hart das Leben ist, jetzt, wo er finanziell keine größeren Probleme haben dürfte?? Natürlich nicht, also sollte man am besten gar keinen Vergleich zum Erstling starten, man würde nicht glücklich werden. Da die Erwartungen so immens hoch sind bei den Fans, wird es natürlich viele Stimmen geben, die viel auszusetzen haben an Raes neuem Werk, eben weil es nicht genau den gleichen Stil hat wie Pt. I, der vollkommen von RZA produziert wurde und mit einer Ausnahme nur Wu-Features hatte.
Nun aber zur CD, die auf jeden Fall erst paar mal durchgehört werden muss, ehe man sich ein richtiges Bild machen kann. Positiv zu vermerken ist, dass wir fast 80 Minuten Material vorgelegt bekommen! Heutzutage ein seltener Fall, da man befürchtet, in Eintönigkeit und in Langeweile zu verfallen, bei dieser CD ist das sicherlich nicht der Fall. Man merkt, dass Raekwon sich wirklich sehr viel Mühe gegeben hat, wie er es desöfteren den Fans angekündigt hat. Alleine die Produktion lässt große Augen machen: RZA, Dr. Dre, J Dilla, Mathematics, Pete Rock, Necro, Alchemist... alle auf einer CD! Das muss man erstmal hinbekommen, was sicherlich nicht automatisch heisst, dass sich alles gut anhört. Dies ist jedoch der Fall, fangen wir mit RZA an, "New Wu" dürfte wohl bekannt sein, aber "Fat Lady Sings" und "Black Mozart" sind bis dato nicht bekannt gewesen und wissen zu gefallen; besonders letzteres ist ein Wahnsinnsstück, ein typischer, moderner, bearbeiteter RZA-Track (mit seinem typisch traurig gesulzten Versen am Ende des Songs). J Dilla bringt mit "House Of Flying Daggers" einen Track, der am ehesten an Pt. I erinnert (ähnelt "Guillotine (Swords)" wie ich finde) und eigentlich sehr nach RZA früherer Tage anhört. Gespannt war ich auf die Dre-Beats, ich mag zwar Dr. Dre, aber konnte mir nur schwer vorstellen, wie seine Musik zu Raes Stil passt. Und es funktioniert prächtig, "About Me" ist ein Beat, der verdeutlicht, wie genial Dr. Dre als Produzent sein kann, und der mit Raekwons und auch Busta Rhymes' Strophen einen tollen Einklang findet (Bustas tiefe Stimme passt perfekt zu diesem Track). Sehr gut produziert ist auch "Kiss The Ring" (produziert von Scram Jones), der eine tolle Atmosphäre verbreitet. Zu den Lyrics, Raekwon präsentiert sich in Topform, rappt überlegt, cool und mit seinen 39 Jahren immer noch voller Elan; das gleiche lässt sich auch über Ghostface, der auch auf diesem Werk recht oft vertreten ist, sagen, der z. B. in "Gihad" eine traumhafte Vorstellung bietet. Eigentlich gibt es raptechnisch gesehen keine Ausfälle, alle Features wissen zu gefallen, herauszunehmen wäre vielleicht noch Inspectah Deck, der für mich nach wie vor ein ausgezeichneter Lyriker ist und dies in "Black Mozart" eindrucksvoll unter Beweis stellt (wegen seinen Versen habe ich das Lied ca. 6-7 mal hintereinander anhören müssen, ähnlich wie sein Part in "Assassination Day" vom Ironman-Album, - meisterlich!). Etwas neuartig an an OB4CL Pt. II ist, dass es viele gesungene Refrains gibt in den Liedern (etwa "Cold Outside", "Mean Streets", "Black Mozart" oder "Catalina"), die für mich gewöhnungsbedürftig waren, aber keinesfalls stören. Am Ende gibt es mit "Walk Wit Me" noch einen schönen Track, bei dem ich nicht nachvollziehen kann, weshalb er auf der US-Version des Albums weggelassen wurde.
Ok, das Album hat auch einige Tracks, die etwas schwächer sind (deswegen "nur" 4,5 Sterne statt 5), allerdings gibt es für mich persönlich keine Filler und Skipptracks, und bei 23 Titel plus Bonus-Track darf man auch mal den einen oder anderen schwächeren Song bringen. Zusammenfassend kann ich sagen, dass OB4CL Pt. II bis jetzt das beste Hip-Hop Album 2009 ist und durchaus als einen Neuzeit-Klassiker bezeichnet werden kann. Hoffentlich wissen auch die angekündigten Alben von Ghostface und Method Man zu überzeugen.