Als Praktiker nimmt man ein 625 Seiten Buch von zwei Universitätsprofessoren zunächst etwas misstrauisch in die Hände. Doch was die beiden Herausgeber Ludwig J. Issing und Paul Klimsa hier an Kompetenz zusammen mit den übrigen 64 (!) Autoren zusammengetragen haben, ist ein derartig gelungenes Oszillieren zwischen wissenschaftlicher Gründlichkeit und Genauigkeit auf der einen Seite und der ganzen Breite der praktischen Umsetzungsmöglichkeiten, dass es wirklich jedem, der mit dem Thema Online-Lernen zu tun hat, aus nüchterner Begeisterung empfohlen werden kann.
Der übersichtliche und sehr sinnvoll gegliederte Aufbau des Buches nimmt schon beim ersten Hinschauen die Scheu vor der ungeheuren Fülle des Angebotenen. Sehr schnell entdeckt man im Inhaltsverzeichnis, dass das Buch kein von vorne nach hinten durchzuarbeitendes Lehrbuch ist. Wie im Untertitel angezeigt, ist es ein Handbuch und jeder Leser kann sich auf das konzentrieren, was für ihn zum jeweiligen Zeitpunkt wichtig ist.
Allerdings sollte niemand versäumen, sich zunächst dann doch mit den ersten knapp 70 Seiten der 'Wissenschaftlichen Grundlagen' zu beschäftigen. Zu schnell könnte bei einer reinen Fokussierung auf einen oder mehrere der praktischen und / oder technischen Artikel die Faszination des technisch Machbaren die nüchterneren Erkenntnisse vernachlässigen über das, was sinnvoll ist und aus Sicht des Lernenden tatsächlich funktionieren würde. Issing warnt gleich zu Beginn: 'Denn nicht die Informations- und Kommunikationstechnologie als solche ist für den Erfolg von E-Learning-Angeboten insbesondere auch in der Form des Online-Lernens entscheidend, sondern deren psychologisch und pädagogisch begründete Gestaltung und Verwendung.'
Es darf hier an die Mahnung von Peter Sloterdijk auf einem der frühen Münchner Medientage Mitte der neunziger Jahre erinnert werden als er ' zu Beginn der Multimedia und Internet Euphorie ' die künftigen Entwickler von Lernsoftware dringend aufforderte, nun nicht noch einmal das tragische Missverständnis der alten Pädagogik wieder aufleben zu lassen und die Funktion des Gehirns auf die eines Speicher- und Verarbeitungsorgans zu reduzieren. Er sagte damals: 'Das Gehirn ist auch ein Speicherorgan. Aber in erster Linie ist das Gehirn ein Organismus zur Abwehr unwillkommener Lernerfahrungen.'
Ein Großteil der Lernsoftware der ersten Generation ist genau deswegen auf der ganzen Linie gescheitert, weil diese Mahnung nicht gehört, nicht beachtet oder nicht verstanden wurde. Es ist jetzt die Möglichkeit eine neue Generation des Online-Lernens zu mobilisieren, die auf einem aktuellen Stand der psychologischen, pädagogischen und neurophysiologischen Forschung aufbaut und zu einem tieferen Verständnis der für ein erfolgreiches Lernen mit Computer und Internet erforderlichen Voraussetzungen beruht.
Die Technik wird sich stürmisch weiterentwickeln. Dafür, dass wir sie für eine freundschaftliche Kooperation mit unseren Gehirnen sinnvoller als bisher nutzen, schafft dieses Buch fundierte Voraussetzungen. Niemand, der sich professionell in diesem Bereich bewegt, wird auf dieses Handbuch verzichten können. Gewiss werden auch eine ganze Reihe der Beiträge kritische Auseinandersetzungen provozieren. Im Rahmen dieser Kurzrezension kann natürlich nicht auf sämtliche Beiträge im Einzelnen eingegangen werden. Aber es spricht für die Sorgfalt und den wissenschaftlichen Überblick der Herausgeber, dass sie einer großen Vielfalt von Stimmen und Positionen aus Wissenschaft und Praxis Raum gegeben haben, ohne dass es zu einer Beliebigkeit gekommen wäre.
Erfreulich auch, dass bei der Lektüre immer wieder deutlich wird, dass ein erfolgreiches Lehren und Lernen ohne soziale Kontakte letztlich nicht möglich ist und dass sowohl die sozialen Verknüpfungen im Netz wie im realen Leben, sei es durch Formen des Blended Learning oder durch private und berufliche Kontakte entscheiden, ob Lehren und Lernen die erwarteten Wirkungen bringt.
Kritisch bleibt anzumerken, dass es sehr schade ist, dass bei einem Werk von derartig hoher inhaltlicher Qualität die drucktechnische Qualität der vom Verlag eingesetzten Satzsoftware und die graphische Gestaltung der Abbildungen auf der Strecke bleiben. Ob es die Abbildungsunterschriften sind, die viel zu klein geraten sind, die Fotos, die eine zu grobe Rasterung aufweisen, die zum Teil unleserlichen Details in so manchen Abbildungen oder der insgesamt zu schwache Schriftkontrast. Es sind geringfügige Äußerlichkeiten, die niemanden von der Anschaffung des Buches abhalten sollten. Aber es ist zu hoffen, dass das Buch aufgrund seiner inhaltlich hohen Qualität so erfolgreich auf dem Markt sein wird, dass es mehrere Auflagen erlebt, bei denen der Oldenbourg Verlag ein auch optisch leserfreundliches Buch zustande bringt.