Der Onkyo tritt bei mir das sehr schwere Erbe eines Rotel an. Überraschend ist die ausgeprägte Sensibilität gegenüber Emotionen, die bei Gesang jeglicher Art oder akustischen Instrumenten den Unterschied zwischen Geräten, die das Signal einfach nur lauter machen und denen, die Eigenklang und Verfärbungen hinzufügen, ausmacht. Musik 'fließt', ist rhythmisch mitreißend, schnell und hat Swing. Gleichzeitig zeigt er Unterschiede der Aufnahmen respektvoll an und verbiegt nichts hin zu einem vermeintlichen Ideal. Für einen so preiswerten Verstärker ist das schon mehr als ungewöhnlich.
Dazu kommt noch die sehr hohe Detailtreue, der klare und präzise Bass sowie die sehr stabile, tiefe, breite und angemessen 'hohe' räumliche Abbildung. Bei größeren Lautstärken gelingt es ihm, den Überblick über das Geschehen dennoch zu behalten und souverän Ordnung zu schaffen.
Streicher z. B. werden sehr sanft, strahlend, lebendig und mit viel Gefühl wiedergegeben. Pianoaufnahmen lassen deutlich die Handbewegungen des Spielers erkennen; damit erhält er sehr deutlich musikalische Zusammenhänge.
Kurz: Der Onkyo klingt unglaublich gut, auch unabhängig vom Preis gesehen. In allen Disziplinen ist er dem erwähnten Rotel teils deutlich überlegen.
Klanglich bemängeln könnte man allenfalls die Artikulation von S-Lauten, die einen Tick weniger zischeln könnten, aber das hält sich bei weitem im Rahmen ist trotzdem auf hohem Niveau.
Der eingebaute Kopfhörerverstärker spielt eher eine Alibirolle; der Klang ist wenig offen, detaillärmer, kaum spritzig und bassarm. Dafür aber präzise. Für Gelegenheitshörer reicht's, für mehr sicher nicht.
Der MM-Phonovorverstärker hingegen spielt richtig erwachsen. Mit Geräten, die allein so viel kosten wie der Onkyo insgesamt, kann er natürlich nicht mithalten, aber seine offene, entspannte Art mit vielen Details, sehr gutem Raum und klarem, trockenem Bass überzeugt auf jeden Fall. Sowas ist sehr selten geworden, meistens sind Phonoteile bei preiswerten Verstärkern eher nicht mehr als Übergangslösungen zu Höherwertigem. Nicht so hier: Ich kann mir vorstellen, dass damit etliche Kunden voll zufrieden sind. Die preiswerten MM Phono-Lösungen unter 100¤ der etablierten Hersteller sind teils deutlich schlechter!
Ich mag japanische Geräte, die schon rein optisch mächtig Volumen haben, opulente Regler und Schalter auf so eine unterschwellig 'schöne' Art auf der Frontseite anordnen. Lautstärke und Quellenwahl haben hier eine tolle Haptik wegen des Vollmetalls, der Einschalter ebenso. Der Rest aus Plastik fällt leicht ab, ist aber ok, rastet sauber ein und wackelt keinesfalls. Die Alu-Frontplatte trägt zum soliden Auftritt bei.
Das Potentiometer für die Lautstärke arbeitet präzise und auch bei geringsten Lautstärken kanalgleich - keine Selbstverständlichkeit. Schön wäre allerdings eine LED zur Standsanzeige gewesen. Apropos LEDs: Die 4 Gelben sind teils von ganz leicht unterschiedlichem Farbton.
Das offenbar resonanzarme Gehäuse ist gemessen am Preis sehr gut verarbeitet, hier klappert und vibriert nichts. Die Füße aus Plastik wirken eher durchschnittlich, aber die Korkscheibchen an ihnen verhindern Kratzer auf Möbeln und dämpfen Vibrationen. Sehr nettes, sinnvolles Detail!
Die Anschlüsse auf der Rückseite sind genauso solide, die Lautsprecherklemmen klappern allerdings, solange sie nicht angezogen sind. Darüber kann man wegsehen meine ich, da blanke Kabelenden oder Bananenstecker dennoch fest sitzen.
Das Netzkabel ist erfreulicherweise austauschbar.
Die Fernbedienung ist allein für den Verstärker nur in wenigen Funktionen nutzbar, dafür aber übersichtlich. Leider allerdings in weiß.
Ändert man die Lautstärke, sind während dessen leise ächtzende Kratztöne zu hören, was auch bei leise laufender Musik aber nicht auffällt. Hier merkt man den Preis dann eben doch. Für mich trotzdem kein Grund zur Beschwerde - solche Charaktereigenschaften sind ja auch was schönes.
Der Rest der Ausstattung ist Geschmackssache, halbwegs objektiv bewerten kann man das nicht. Wirklich schön ist aber der Vorverstärkerausgang, der leistungsmäßig und klanglich Potenzial nach oben lässt.
Zusammengefasst ein wahrlich erstklassiges Gerät, das mich vor allem mit seinem Gefühl für Emotionen in der Musik überzeugt. Gravierende Schwächen gibt es keine.
Er ist übrigens derzeit der einzige analoge reine Verstärker in Onkyos Programm. Die Digitalen haben Vor- und Nachteile, die ich mir nicht antun will. Wie lange überhaupt noch so tolle analoge Verstärker entwickelt werden, ist leider fraglich.
Update zu den S-Lauten: Gute Kabel verbessern das tatsächlich. Ich verwende ihn mit Kimber, inAkustik und QED, wobei die aufwendingen Kimber Lautsprecherkabel neben ihrer extrem lebendigen Art auch dieses Zischeln relativ gut im Griff haben. Wer da sagt, "Kabelwissenschaft" sei Scharlatanerei, der irrt sich wohl auch hier. Ein Kimper PBJ als Verbinder zu meinem DAC leistet super Arbeit. _Sehr_ viel besser wird das mit noch höherwertigen Kabeln kaum gehen.
Update nach ca. 3 Monaten: Er war kaputt. Rauschen auf einem Kanal und Knackser beim Quellenwählen. Die Onkyo-Vertragswerkstatt sagte, es wären die Mutingtransistoren gewesen. Muss stimmen, denn er geht wieder wie zuvor. Allerdings sind satte 4(!) Wochen Reparaturzeit im Garantiefall eindeutig gruselig. Dazu darf man auch noch die Hinsendekosten in die Werkstatt blechen. Zum Glück gibt es zahlreiche Vertragswerkstätten über Deutschland verteilt in großen Städten. Fingerabdrücke vom Elektroniker müssen wie ich finde auch nicht sein. Beim Service hätte Onkyo also dennoch offensichtlich etwas zu verbessern, ich finde das insgesamt schade, wenn man schon so gute Geräte baut und es gibt ja schließlich auch welche für 2000 Euronen bei denen... Und dann so ein Service?