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Produktinformation
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Sacks hatte nur eine große Liebe in seiner Kindheit, die er beim Schreiben des Buches wiedergefunden und darüber so manches Autobiografische vergessen hat: die Naturwissenschaften - insbesondere die Chemie. Er begeistert(e) sich für Mineralien, Fotografie, Reibungselektrizität, Spektroskopie, Radioaktivität und Meeresbiologie. In seinem Buch erklärt er uns Phänomene und berichtet detailliert vom "Stinken und Knallen" im haus-eigenen Labor. Zwischendrin gibt es immer wieder eine Portion Chemie-geschichte, etwa wenn er von Daltons Atommodell, Mendelejews Periodensystem der Elemente und der Entdeckung der Radioaktivität erzählt.
Insgesamt ist dies sicherlich ein gutes Buch, das durch die enorme Sachkenntnis und den mitreißenden Erzählstil des Autors besticht. Aber Sacks hat sich nicht entschieden, wo-rüber er schreiben wollte, die Chemie oder seine Kindheit. Sein Buch ist eine eigenartige Mixtur aus beidem. Ein von der Chemie begeisterter Leser kommt dabei bestimmt auf seine Kosten. Wer sich allerdings mehr für den Menschen Sacks interessiert, wird zwar spannende, aber nur spärliche Informationen finden. Mir jedenfalls hätte weniger Chemie und mehr von Sacks besser gefallen.
Rezensent: Imke Ortmann -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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Ich kann das Buch wirklich von Herzen weiterempfehlen. Es ist flüssig und interessant geschrieben, dabei aber zusätzlich noch sehr informativ. Der chemisch nicht vorbelastete Leser könnte allerdings seine Probleme mit diesem Buch haben, denn erstens ist ein wenig Vorwissen schon nötig, um Sacks Ausführungen und Erläuterungen der chemischen Entdeckungen zu verstehen und zweitens überwiegt der chemische Teil deutliche den (eindeutig) biographischen. Wer lediglich ein Buch über die Kindheit und Jugend von Oliver Sacks, ohne großen chemischen Hintergrund sucht, wird enttäuscht sein. Allerdings ist es auch kaum möglich eine Biographie des Autors zu schreiben, ohne auf diesen sehr wichtigen Aspekt seines Lebens einzugehen.
Zum Schluss möchte ich noch anmerken, dass das Buch für Leseratten wie mich ziemlich gefährlich ist. Zum einen kann man sich kaum von Oliver Sacks fesselndem Schreibstil losreissen und zum anderen führt der Autor viele von ihm geschäzte Bücher an. Bücher, die ihn schon als Kind und Jugendlichen inspirierten und der Chemie näher brachten. Viele dieser Titel befinden sich nun auf meinem Wunschzettel. Also Achtung: Suchtgefahr!
Liebe im Museum: „Mein erster Blick galt den Metallen, Dutzenden davon, in jeder erdenklichen Form: Barren, Klumpen, Würfel, Draht, Folie, Scheiben, Kristalle. Die meisten waren grau oder silber, manche rosa oder bläulich getönt. Einige hatten glänzende Oberflächen..." Der betörte Knabe im Museum heißt Oliver Sacks, und ist heute der Welt berühmtester Neurologe („Zeit des Erwachens", „Der Mann, der seine Frau mit seinem Hut verwechselte"). Sein neues Buch handelt von zwei Dingen: den ersten vierzehn Lebensjahren des Autors und den ersten dreihundertfünfzig Jahren der Chemie als Wissenschaft. Geschickt montiert er die Ebenen, indem er den unbedarften Leser einläd, die faszinierende Entwicklung der Chemie durch die Augen des jungen Oliver zu verfolgen.
Oliver verbrachte seine ersten Jahre in London; er war sechs, als der zweite Weltkrieg ausbrach. Um ihn vor deutschen Bomben zu schützen, schickten ihn seine Eltern in ein ländliches Internat, nicht ahnend, dass der Schulleiter besser zwischen den Deckeln eines Dickens-Romanes geblieben wäre: „Einmal, als er einen Rohrstock an meinem achtjährigen Hintern zerbrochen hatte, brüllte er: `Verdammt, Sacks, schau, wozu du mich getrieben hast`, und setzte die Kosten für den Rohrstock auf meine Rechnung." In einer Welt, in der man aus dem bürgerlichen Paradies einer jüdischen Großfamilie unvermittelt in eine Hölle von Sadismus und Gewalt fallen konnte, ging der Glaube an einen freundlichen Gott früh verloren. Trost bot etwas anderes: „Meine erste Zuflucht waren die Zahlen... Besonders liebte ich die Primzahlen, die Tatsache, dass sie unteilbar waren, nicht zerkleinert werden konnten, unveränderlich sie selbst waren."
Einsame Gase
Der zehnjährige Knabe, der nach London zurückkehrt, ist verändert: scheu, verstört, wenig erpicht auf den Kontakt mit Gleichaltrigen. Wie er die Pfadfinder dazu treibt, ihn hinauszuwerfen- das gehört zu den komischen Höhepunkten des Buches. Er zieht die Gesellschaft vernünftiger Erwachsener vor, allen voran die seines Onkels David, dessen Spitzname- Onkel Wolfram- dem Buch seinen Titel gibt. Diesem Onkel gehört eine Fabrik, die Glühbirnen herstellt, Birnen mit einem Glühdraht aus Wolfram. Er liebt „sein Metall", sein Leben ist der Chemie gewidmet und er tut alles, um diese Leidenschaft auch in seinem Neffen anzufachen: er schenkt ihm Bücher, Geräte, Chemikalien- und vor allem ein offenes Ohr für die tausend Fragen des Jüngeren. Mit Duldung der Eltern richtet sich Oliver sein eigenes Labor ein, mit direktem Zugang zum Garten, damit stinkende und explosive Mischungen rasch entsorgt werden können. Er entdeckt Wahlverwandtschaften: „Ich glaube, manchmal identifizierte ich mich mit den Edelgasen und manchmal vermenschlichte ich sie, stellte sie mir einsam vor, abgeschnitten, in tiefer Sehnsucht nach Bindung." Im letzten Absatz des Buches schildert der mittlerweile fünfundsechzigjährige Sacks seinen Lieblingstraum, in dem er seinen „alten und geschätzten Freunden", den Schwermetallen, in einer Opernloge wiederbegegnet.
Lichter aus dem Feenreich
Seine Vorbilder, deren Bücher er verschlingt, waren durchdrungen von einem romantischen Glauben an das Erlösungspotential der Wissenschaft. Für Marie Curie war das Radium die blaue Blume: „Eine unserer Freuden war es, nachts in unser Labor zu gehen: sanft leuchtend erschienen uns die Umrisse der Flaschen und Kapseln, die unsere Substanzen enthielten... Es war tatsächlich ein bezaubernder Anblick und immer wieder neu für uns. Die glimmenden Röhren sahen aus wie zarte Lichter aus dem Feenreich." Sie starb später an Krebs, wie viele der Pioniere.
Mit zwölf Jahren erlebt er die Zäsur: im Radio läuft eine Reportage über die Zerstörung Hiroshimas. „Zuvor waren Chemie und Physik für mich eine Quelle reinen Entzückens und Erstaunens..." Plötzlich erkennt er, in welcher Nachbarschaft er sein Ersatzparadies gebaut hat. Die Hölle riecht nach Schwefel.
Ein hübsches Mädchenbein
Für seine Eltern, beide Ärzte, ist es selbstverständlich, dass ihre vier Söhne, was immer sie sonst noch interessieren mag, am Ende in ihre Fußstapfen treten werden. Die Mutter, für die Oliver etwas wie Hassliebe empfindet, hat ihre eigenen Erziehungsmethoden. „Als ich vierzehn war, vereinbarte meine Mutter mit einer Kollegin, einer Anatomieprofessorin, dass ich in die menschliche Anatomie eingeführt werden sollte... Professor G. sagte, sie habe einen Körper für mich ausgewählt, den Körper eines vierzehnjährigen Mädchens. Ein Teil des Mädchens war schon seziert, aber es gab noch ein hübsches unberührtes Bein, an dem ich loslegen konnte." Oliver gehorcht: trotz größtem Abscheu präpariert er das Bein. Und schließlich wurde er Arzt, wenn auch nicht Chirurg, wie seine Mutter gehofft hatte. Wie es zu dieser Entscheidung kam, erfährt der Leser nicht mehr; der Bericht erstreckt sich bis zum Beginn der Pubertät, dem Ende der "chemischen Kindheit". „Andere Interessen drängten sich auf, erregend, verführerisch, und zogen mich auf verschiedene Bahnen."
Erotik des Begreifens
Im Nachwort erläutert Sacks, wie das Buch entstand: eine geplante Skizze über „Onkel Wolfram" schwoll zu einem Erinnerungsmeer von 2 Millionen Wörtern; die eingedampfte Fassung enthält gut den 20. Teil. Kürzen schafft Klasse, die mutigeren Kürzer sind die besseren Autoren; Sacks, scheint mir, hat es bisweilen übertrieben. Ein Beispiel: Olivers älterer Bruder Michael, der mit ihm das Martyrium des Internats geteilt hatte, wurde mit 15 psychotisch: er hielt sich für den „Liebling eines peitschwütigen Gottes", er „schrie und halluzinierte." Was ist aus Michael geworden? Sacks beschreibt in wenigen Zeilen, warum er auf Distanz gehen musste (um nicht selbst im Chaos zu versinken); von Michael hören wir nichts mehr.
Dennoch eines der Bücher, die leisten, wofür ich den Autor bezahle: den Blick zu weiten. Chemie ist für viele Menschen ein assoziatives Konglomerat aus Fast food, Gestank und toten Fischen. Sacks schafft neue Verknüpfungen: mit Genialität, Ästhetik, Freiheit. Seine Sprache, lyrisch und präzise, vermittelt etwas schwer zu Vermittelndes: die subtile Erotik des Begreifens.
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