Der Sklavenhändler Haley, der andere war Mr Shelby der Besitzer der Farm. Haley war klein und untersetzt. Seine Gesichtszüge und vor allem die kalten Augen unter den halb geschlossenen Lidern verrieten einen Menschen, der sich gewissenlos in der Welt hinaufzuarbeiten versteht. Er trug auffallende Kleidung: eine grellbunte Weste, ein blaues Halstuch, schwarze Beinkleider und Reitstiefel. Seine dicken Finger waren mit Ringen geschmückt. Die Art, mit der er im Gespräch mit seiner schweren goldenen Uhrkette spielte, wirkte selbstgefällig und protzig.
Mr Shelby hingegen machte einen schlichten, aber vornehmen Eindruck, seine Redeweise war zurückhaltend und verriet Bildung. Im Gegensatz zu seinem Gegenüber war er ein Gentleman.
Die Einrichtung des Zimmers, das Haus und die Anlagen zeigten Wohlstand des Besitzers und Shelby war in der Tat ein begüterter Farmer. Die vielen Arbeiter auf seinem Hof kannten ihn als gerechten und wohlwollenden Herrn, der sich um sie sorgte und sie menschlich behandelte. Niemand hätte von ihm erwartet, dass er Geschäfte mit Sklavenhändlern betrieb, und er selbst wäre früher nie auf den Gedanken gekommen. Aber Missernten in den letzten Jahren und falsche Spekulationen hatten ihn in hohe Schulden gestürzt und schließlich waren Schuldscheine über große Beträge Haley in die Hände gefallen. Nun war der Händler gekommen, um sein Geld einzutreiben.
»Warum sind Sie mit meinem Vorschlag nicht einverstanden?«, fragte Mr Shelby. »Auf diese Weise würden Sie ein vorteilhaftes Geschäft machen und für mich wäre die Angelegenheit erledigt!«
Haley schüttelte den Kopf. »Solche Geschäfte kann ich nicht machen!« Er nahm sein Weinglas und trank es in einem Zug leer. »Ich wäre Ihnen ja gern gefällig, Mr Shelby«, fuhr er mit glatter Höflichkeit fort. »Aber ich kann nicht!«
»Haley«, sagte Mr Shelby eindringlich. »Sie kennen Tom nicht! Er ist wirklich ein außergewöhnlicher Arbeiter. Er ist ehrlich und klug; ich habe ihn zum Verwalter meines Gutes gemacht!«
»Ehrlich?«, grinste Haley. »Sie meinen wohl, so ehrlich, wie Nigger eben sind?«
»Ich meine es ernst!«, entgegnete Mr Shelby heftig. »Tom ist absolut verlässlich und ein gläubiger Christ. Wie hätte ich ihm sonst meinen Besitz, mein Geld, das Haus und die Pferde anvertrauen können? Ja, ich kann ihn sogar unbehindert im Land umhergehen lassen. Er ist treu!«
»O ja! Es gibt fromme Nigger!«, sagte Haley spöttisch. »Manche Leute wollen das nicht glauben. Aber ich glaube es!«
Shelby musste seinen aufsteigenden Zorn unterdrücken.
»Hören Sie, Haley«, sagte er beherrscht. »Ich will Ihnen ein Beispiel erzählen. Vorigen Herbst habe ich Tom nach Cincinnati geschickt, um Geschäfte für mich abzuschließen und mir fünfhundert Dollar zu bringen. >Tom<, sagte ich zu ihm, >ich vertraue dir. Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann!< Später habe ich erfahren, dass ihm einige Mistkerle zugeredet haben, sich mit dem Geld nach Kanada abzusetzen. Aber glauben Sie, er hätte es getan? Tom kam wieder! Nun werden Sie auch verstehen, dass ich mich schwer von ihm trenne, und Sie sollten ihn für die ganze Schuld nehmen, wenn Sie einen Funken Gewissen hätten!«
»Ich habe gerade so viel Gewissen, wie sich ein Geschäftsmann leisten kann«, versuchte Haley zu scherzen. »Ich bin auch bereit, alles zu tun, meinen Freunden zu helfen. Aber das hier geht zu weit. Sie verlangen einfach zu viel.«
»Und wie stellen Sie sich das Geschäft vor?«, wollte Mr Shelby wissen.
Haley lehnte sich in seinen Sessel zurück und streckte langsam die Beine von sich. Nach einer kurzen Pause sagte er: »Haben Sie nicht einen Jungen oder ein Mädchen als Draufgabe?«
Shelbys Gesicht verfinsterte sich. »Ich gebe kein Kind weg! Wenn Sie die Wahrheit wissen wollen, es ist mir äußerst peinlich, überhaupt jemanden verkaufen zu müssen! Nur die äußerste Not zwingt mich dazu!«
Haley hob die Augenbrauen und drehte das Glas in der Hand. »Mr Shelby!«, sagte er kühl. »So werden wir kaum zu einem Abschluss kommen.«
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und ein etwa vierjähriger, fast weißer Junge kam ins Zimmer. Schwarze Locken umrahmten sein rundes Gesicht und seine großen, dunklen Augen blickten neugierig auf die beiden Männer.
»Hallo, Harry! Wie geht's!«, rief Mr Shelby. Der Junge lief unbefangen auf Shelby zu, der ihm zärtlich über das Haar strich. Dabei musterten die Augen des Knaben mit scheuer Neugier den Fremden. »Magst du das?«, fragte Shelby und reichte dem Jungen eine Weintraube aus der Obstschale. Der Kleine lächelte, streckte beide Hände aus und nickte eifrig. Er lehnte sich an Shelbys Knie, zupfte mit seinen kleinen dicken Fingern die süßen Beeren von der Traube und stopfte sie in den Mund. Dabei warf er immer wieder einen Blick zu Haley hinüber, der den Jungen mit wachsendem Interesse betrachtete.
»Nun, Harry; zeig dem Herrn, wie du tanzen und singen kannst.« Der Junge legte die Traube auf den Tisch, stellte sich mitten ins Zimmer und sang mit seiner hellen Kinderstimme ein Lied. Dabei stampfte er wild mit den Füßen und klatschte mit den Händen den Takt dazu.
»Bravo! Bravo!«, rief Haley.
»Nun zeig uns noch, wie Onkel Joe geht, wenn er Rheuma hat«, sagte Mr Shelby.
Dem Jungen schien die Vorstellung Spaß zu machen. Ohne zu zögern, holte er den Spazierstock seines Herrn aus der Ecke und humpelte mit gekrümmtem Rücken im Zimmer umher. Dabei verzerrte er das Gesicht und tat, als ob er in alle Ecken spuckte.
»Der ist ja großartig!«, rief Haley. »Der Bengel hat es faustdick hinter den Ohren!« Er schlug dem Farmer auf die Schulter. »Hören Sie, Shelby, den Jungen als Draufgabe — und die Sache geht in Ordnung! Ist das nicht ein einmaliges Angebot?«
In diesem Augenblick wurde die Tür leise geöffnet und eine junge Farbige betrat das Zimmer. Es war die Mutter des Jungen. Sie hatte die gleichen dunklen Augen, schwarzes welliges Haar und eine auffallend helle Hautfarbe.
Haley streckte den Kopf vor und musterte sie ungeniert. Seine Augen glitten über die hohe, feingliedrige Gestalt und er verzog die Mundwinkel zu einem leichten Grinsen.
Die Frau blieb zögernd an der Tür stehen, als sie den fremden Gast erblickte.
»Was gibt's, Eliza?«, fragte Shelby.
»Ich suche Harry, Sir!«
»Der ist hier. Nimm ihn gleich mit!«
Die junge Frau nahm das Kind auf den Arm und mit einer leichten Verbeugung verließ sie hastig das Zimmer. Haley blickte ihr mit begehrlichen Augen nach. Als sie die Tür geschlossen hatte, wandte er sich an Mr Shelby.
»Wie viel?«, fragte er mit einem Augenzwinkern und deutete mit einer Kopfbewegung zur Tür.
Shelby verstand sofort. Er zog die Augenbrauen zusammen, sodass eine tiefe Falte über der Nasenwurzel entstand. »Ich verkaufe sie nicht!«
»Shelby, mit der können Sie in New Orleans ein Vermögen machen!«
»Ich will kein Vermögen machen!«, sagte Shelby trocken. Haley lehnte sich zurück und hakte beide Daumen in die Armlöcher seiner Weste. »Tausend!«, sagte er und beobachtete mit halb geschlossenen Augen Shelbys Gesicht. Shelby schüttelte energisch den Kopf. »Ich dachte, Sie brauchen Geld?«, sagte Haley zynisch.