Mit viel Getöse und Radau verkündete die Berliner Band Samavayo im Jahre 2010 das Zeitalter des Fuel-Rock. Wer jedoch gleich ein komplett neues Musik-Genre aus dem Boden stampft, sollte auch dahinter stehen und sich nicht im Gitarreneinheitsbrei verlieren.
"Was der Grunge für Seattle war, ist Fuel für Berlin!" Wenn jemand so ein Statement abgibt, muss er es sich auch gefallen lassen, dass man ihn an Selbigem misst. Das Berliner Quartett um Frontmann Behrang Alavi legte die Latte in diesem Fall erstaunlich hoch. Sowohl Fans, als auch die Musikszene waren gespannt auf das neue Album, das sich anfühlen sollte, als wäre es ein ebenbürtiger Bruder des revolutionären Seattle-Sounds aus dem Herzen der frühen 90er.
Was jedoch von dem Versprechen übrig bleibt, wenn das neue Album "One million Things" im CD-Player rotiert, ist ernüchternd: Fuel stellt sich als der Versuch heraus, soliden Stoner-Rock mit Pop, Elektro und weltmusikalischen Einflüssen zu verbinden. Die Mischung klingt überaus interessant, leider bleibt es bei Samavayo jedoch bei dem Versuch. Dass die vier Rennsport-Begeisterten Kameraden eine Vorliebe für schnelle Dinge haben, wird bereits beim ersten Song klar. Der überaus passend betitelte Opener "Go" fegt wie ein Rennwagen durch den Gehörgang und hinterlässt eher eine Wüste aus schwammigen Gitarrenriffs und unspektakulären, aber hämmernden, Drums, als einen bleibenden Eindruck.
Besonders stolz ist die Band auf ihre Zusammenarbeit: "Das ganze Projekt war eine Teamarbeit", sagte der Gitarrist Marco Wirth in einem Interview. Daran angelehnt ist auch der Bandname, der, aus dem Sanskrit entlehnt, so viel wie Einheit bedeutet. Es habe viel Zeit benötigt, um einen eigenen Stil zu finden, heißt es auf der Website der Band. Nicht weniger als neun Jahre will das Quartett gebraucht haben, um den Fuel Plattenreif zu schleifen. Was jedoch dabei entstand, wirkt unzusammenhängend und lässt das Album bereits nach dem zweiten Track auseinander fallen: Der Song "Wait" klingt wie "Go", nur lauter. Spätestens jetzt weiß der Hörer, dass Samavayo nicht nur einen Hang zu flotten Songs, sondern auch zu prägnanten und kurzen Song-Titeln hat.
Besonders verzwickt wird es bei dem in orientalische Instrumente verpackten Song "Teheran Girl". Hier zeigt sich, dass der Sänger und Bandleader Behrang Alavi in seinem Gesang sehr eingeschränkt ist und sich mehr als einmal im Ton vergreift, wenn er in Höhen rumnölt, für die seine Stimme nicht gemacht ist.
Die folgenden sechs Songs zeichnen sich allesamt durch eines aus: Auf nicht enden wollende vier Minuten ausgewalzte, sich überlappende Teppiche von Fender-Rhodes-Sounds, versehen mit simplem Synthie-Gepiepse, das Elektro-Einflüsse zu imitieren versucht. Das schmetternde Schlagzeug tut sein übriges. "Red End" deutet sogar ein Gitarren-Solo an, welches nur mit Mühe als solches zu erkennen ist. Allein der Titel-Track "One million Things" bringt eine kleine Offenbarung und lässt in Ansätzen erahnen, wie der Fuel-Sound klingen soll. Eine zurückhaltende Ballade wird mit dezentem Harfenspiel aufgepeppt und von einer eingängigen Melodie gekrönt. Ein ganzes Album von diesem Kaliber hätte weit über die Grenzen der Republik für Aufsehen gesorgt. So bleibt das Album jedoch weit hinter anderen Veröffentlichungen in 2010 zurück.
Jedoch muss man der Band zu Gute halten, dass sie sich in umfassenden Innovationen versucht. Es gestaltet sich allerdings schwierig das Rad neu zu erfinden, wenn Produktion, mittelmäßige Kompositionen sowie lapidare Texte nur ein schwaches Niveau erreichen. Und wenn Behrang Alavi quäkt: "Through the light I see you there / Your beautiful eyes, my sweet valentine / Come with me and I show you my world / My sweet valentine", schmunzelt man und denkt 'Mit der Hauptstadt geht es aber auch bergab.'