Die Formel für Castingstars ist denkbar einfach: Ihre eigentliche Berühmtheit beschränkt sich meist auf die Show selbst. Nach dem Ende wird mit dem Sieger noch am selben Tag eine 'Siegersingle' auf den Markt geworfen und 1-2 Wochen später hastig ein Album hinterher gefeuert. Anschließend hat besagter Castingstar seine Schuldigkeit getan und kann getrost wieder abdanken. Meistens liegt das nicht einmal an dem Sieger selbst, der ja oft durchaus talentiert ist, sondern an Fehlern die in der Produktion gemacht werden. Die Geschwindigkeit mit der z.B. ein Album produziert wird ist kaum dazu geeignet ein hochwertiges Produkt zu hervorzubringen, sonder verfolgt nur den Zweck die Augenblickliche Popularität des Sieger auszunutzen und noch schnell etwas Geld in die Kassen zu spielen, denn nur wenig später ist das Interesse der Öffentlichkeit an dem Sieger meist schon wieder erloschen. Aber kann es nicht auch sein, dass das eine das andere erst hervorruft? Das ein hastig und schlecht produziertes Album also erst dafür sorgt, dass das Interesse am Sieger erlischt? Genau das war bisher jedenfalls mein Standpunkt gewesen und ich hatte eigentlich schon die Hoffnung aufgegeben herauszufinden ob ich damit Recht habe.
Mit X-Factor startete im letzten Jahr die nächste Castingshow in Deutschland und die Frage durfte durchaus gestellt werden: brauchen wir denn wirklich noch eine davon? Entsprechend war ich ungemein skeptisch ' und wurde eines besseren belehrt. Etwas überrascht stellte ich fest, dass großen Wert auf die Qualität der Kandidaten gelegt wurde und weniger auf Skandale oder traurige Schicksale (auch wenn es davon noch immer genug gab). Nicht nur die Siegerin Edita sonder auch viele der anderen Kandidaten besaßen eine Menge Potenzial (Big Soul, Mati, Anthony '). Was X-Factor jedoch auszeichnete war das Mentorenkonzept. Jedem Kandidaten wurde ein Jurymitglied als Hilfe- und Ratgeber zur Seite gestellt von dem sie lernen konnten. Eine durchaus faszinierende Idee. Dennoch: die Skepsis blieb. Wie würde die Single bzw. das Album des Siegers am Ende aussehen?
Es kam wie es kommen musste. Die Show war zu Ende und noch am selben Abend wurde die 'Siegersingle' zum Download freigegeben und auch das Album war für kurze Zeit später angekündigt. Wenig überraschend schaffte es 'I've come to live' nicht sich in den Charts vorne festzusetzten. Die Qualität des Songs war Mittelmaß. Ebenfalls wenig überraschend. Innerlich hatte ich ein gutes Album längst schon wieder abgeschrieben. Doch plötzlich passierte etwas Unerwartetes: Die Album Vö wurde verschoben. Erst auf den Dezember, dann noch weiter, schließlich um über drei Monate. Edita wollte keinen Schnellschuss. Am Album wurde nachgebessert. Die Songs wurden überarbeitet. Drei gänzlich neue Songs kamen sogar hinzu. Ich muss zugeben: an diesem Punkt stieg meine Erwartungshaltung deutlich wieder an. Als schließlich die Single 'The Key' auf den Markt kam konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. Das Warten hatte sich gelohnt. Aber würde auch das Album den Erwartungen standhalten? Schauen wirs uns an.
'One' wie das Stück schlicht heißt beinhaltet 15 Songs mit einer Gesamtlänge von 53 Minuten und 25 Sekunden. Die durchschnittliche Songlänge beträgt 3 Minuten und 33 Sekunden. Eine Mischung aus Balladen, tanzbaren Stücken und Up-Tempo Nummern. Die Songs Einzelnen:
1. Give A Little Love Get A Little Love (3:49) ' Gleich zu Beginn ein tanzbarer Song mit eingängiger Melodie. - 4/5
2. The Key (3:18) ' Die zweite Single des Albums. Ein von Erfolgsproduzent Jörgen Elofsson produzierter Song. Eine Up-Tempo Ballade. Vielleicht der stärkste Song des Albums. ' 5/5
3. Turn Back Time (4:21) ' Würden wir nicht alle manchmal gern die Zeit zurückdrehen? Aber das können wir nicht. Ein sehr gefühlvoller Song. ' 5/5
4. I've Come To Life (3:04) ' Der 'Siegersong'. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass es wohl der schwächste Song des Album ist. ' 3/5
5. Fade Away (3:38) ' Wieder eine Up-Tempo Nummer. Ebenfalls sehr gut. ' 4/5
6. When The Music Is Over (3:51) ' Ein Song wie geschaffen für die Tanzfläche. Wird von einigen als einer der besten Songs des Albums bezeichnet. Eine Meinung die ich nicht ganz teilen kann. ' 4/5
7. Someone To Lean On (4:00) ' Sehr gefühlvolle und Stimmlich fantastische Darbietung. Hat dazu noch Ohrwurmpotenzial. ' 5/5
8. I Don't Know Why (3:21) ' Eine Ballade. Leider ein etwas langweiliger Song, allerdings mit einem starken Text. ' 4/5
9. Change (3:14) ' Ein Kandidat für die nächste Singleauskopplung. Sehr massentauglicher Popsong mit einer hohen Qualität. ' 5/5
10. Wouldn't Wanna Be Without You (3:25) ' Ein wenig Soul angehaucht. Eigentlich nicht wirklich mein Geschmack, trotzdem gut. ' 4/5
11. I Don't Know (3:38) ' Insgesamt ein etwas unauffälliger Song. Nicht wirklich schlecht, geht aber etwas unter. ' 3/5
12. Untouchable (3:20) ' Mal wieder eine Dance Nummer. Sehr flotter Song der gute Laune macht. ' 5/5
13. Another Universe (3:13) ' Eine Ballade. Einer der stärksten Songs des Albums. Gänsehaut. Kerzen. Romantik. ' 5/5
14. Nothing's Changed (3:35) ' Kein wirkliches Highlight, fügt sicher aber gut ein. Ein guter Popsong also. ' 4/5
15. The Best Thing About Me Is You (3:38) ' Das Duett mit Ricky Martin ist ein Sommerlicher gute Laune Song von eigentlich sehr hoher Qualität. Allerdings wirkt er auf dem Album irgendwie deplatziert. Daher nur ' 4/5
Editas ohne Zweifel größte Stärke ist ihre fantastische Stimme und wenn man auf dem ganzen Album eine Sache richtig gemacht hat dann diese: Man lässt sie singen. Laut, leise, gefühlvoll, kraftvoll, hoch, tief und immer leidenschaftlich. Keine Elektronischen Verzerrungen oder ähnlicher Mist. So steht auf dem Album nicht nur Edita drauf, es ist auch eine ganze Menge Edita drin. 'One' ist zwar das Album eine Castingstars, aber kein Castingstaralbum. Das erste Mal, dass ich das von einem Deutschen Sieger behaupten kann. Gesamtwertung des Albums: Die würde bei 4,2 liegen und das spiegelt auch meinen Eindruck wieder. Ein gutes, stellenweise sogar sehr gutes Album mit noch etwas Luft nach oben. Mehr kann ich letztlich von einem 'Erstling' nicht verlangen.
Abschließend: Wenn ich Sachen lese wie z.B. 'hat nichts herausragendes' 'hat nichts besonderes' 'zu gewöhnlich' 'nicht gut produziert' 'wird der Sängerin nicht gerecht' ' dann ich nur den Kopf schütteln. Natürlich gibt es noch Luft nach oben, aber mal im Ernst: Was erwartet ihr denn? Das ist das Debütalbum eines Castinggewinners in Deutschland und als solches ist es das mit Abstand beste seiner Art. Wir haben es hier nicht mit jemandem zu tun der seit Jahrzehnten im Geschäft ist und ab und zu ruhig mal das Rad neu erfinden kann. Bleibt mal fair mit euren Erwartungen und Bewertungen. 'One' ist ein guter Anfang und macht mir persönlich echt Lust auf mehr. Ich wünsche Edita viel Erfolg mit dem Album und hoffe wieder von ihr zu hören.
Ach ja, ein Tipp noch für alle unentschlossenen: Wer einen Facebookaccount hat, kann auf Editas Seite in viele Songs des Albums ausführlicher reinhören und bekommt auch einige schöne Coverversionen geboten.