Für "One Day at a Time", ihrem Album von 1970, ging Joan Baez wieder nach Nashville. Mit der ersten Garnitur der dortigen Musiker nahm sie ein Album auf, dessen Songs unterschiedlicher nicht sein konnten, dem man aber getrost das Prädikat "exzellent" verleihen konnte.
Zunächst sind da mal einige reinrassige Countrysongs wie das sentimentale Traditional "Take Me Back to the Sweet Sunny South", das traditionelle Tanzstück "Jolie Blonde", bei dem Baez ihr Stimme nur als Instrument einsetzt, und das bereits bekannte "Long Black Veil", diesmal mit Bandbegleitung. Vom Nashville-Outlaw Willie Nelson stammt das gefühlvolle "I Lived One Day at a Time". Vom Singer/Songwriter Steve Young übernahm sie "Seven Bridges Road", dessen bluesige Derbheit sie durch melodiöse Schönheit ersetzte. Sogar "No Expectations" von den Rolling Stones verlieh sie eine fein klingende Note. Die pure Kraft ihrer Stimme entfaltet sich bei Delaney & Bonnies "Ghetto" sowie beim Gospel "Carry It on", hier als Durchhalteparole für den Strassenprotest engesetzt. Dazu kommt noch mit der Geschichte des Gewerkschaftsführers "Joe Hill" (-ström) ein politischer Song.
Zwei Songs steuerte Baez selbst bei. Ihre Ode an ihren Ritter "Sweet Sir Galahad", eines ihrer kompositorisch besten Stücke und das persönliche, vom sehnsuchtsvollen Warten auf ihren im Gefängnis sitzenden Gatten geprägte "A Song for David", ebenfalls ein Meisterstück.
Bei drei Songs ("Take Me Back to the Sweet Sunny South", "Seven Bridges Road" und "I Lived One Day at a Time") sang sie mit Jeffrey Shirtleff, der sie auch beim Woodstock Festival stimmlich begleitet hatte, im Duett, was durchaus reizvoll ist.
Musikalisch befand sich Baez hier in ihrer "Country-Phase". Dementsprechend fielen auch die Arrangements aus. Aber alles ist viel lockerer und luftiger als beim Vorgänger "David's Album".
Die beiden Bonusstücke stammen aus der Feder von Countrystar Merle Haggard und wurden 1969 zusammen mit Jeffrey Shirtleff eingespielt. Stilistisch sind es Countrysongs, wenn auch mit sozialkritischem Inhalt.
Das Remastering ist in Ordnung. Leider wurde das schöne Innenfoto des originalen Klappalbums, das die schwangere Joan Baez mit gekürztem Haar auf einem Abhang der Struggle Mountains zeigt, nicht in das Booklet übernommen. Wirklich schade.