(Original Kinoversion)
Man ist doch wirklich überrascht, die Franzosen sind doch tatsächlich in der Lage, richtig gute, spannenden Actionthriller hinzulegen. So oft sie auch im Horrorgenre ins Klo greifen, so oft machen sie in anderen Genres alles richtig. Von wegen, mal in Ruhe nen Milchkaffee schlürfen, einen Croissant essen und übers Leben philosophieren, in "On the Run" geht es knallhart zur Sache und das ist die ganzen 102 Minuten durchgehend spannend. Mon Dieu!
Bankräuber Franck (Albert Dupontel, "Irréversible", "Louise hires a contract Killer") hat nur noch sechs Monate abzusitzen und kann es kaum erwarten, wieder zu Frau (Caterina Murino, "Casino Royale") und Kind nach Hause zurückzukehren. Ein paar unglückliche Umstände und Wärter-Willkür bringen ihm allerdings eine Verlängerung seiner Haftstrafe ein. Da Franck seit seiner Verhaftung beharrlich über das Versteck der Beute schweigt, ist sein ebenfalls am Raub beteiligter Kumpel und Mithäftling nicht gerade gut auf ihn zu sprechen. Und dann begeht Franck fatalerweise auch noch den Fehler, seinem Zellennachbarn Jean-Louis (Stéphane Debac, "Mr. Bean macht Ferien") beizuspringen, als dieser von einigen Häftlingen vermöbelt werden soll. Als der vermeintliche Kinderschänder kurz darauf entlassen wird und Franck als Dankeschön anbietet, Frau und Tochter eine Nachricht zu überbringen, willigt Franck ein. Als er aber erfahren muss, was es mit Jean-Louis wirklich auf sich hat, entschließt Franck sich, aus dem Gefängnis auszubrechen und zu retten, was ihm am wichtigsten ist. Es beginnt eine mörderische Hatz, bei der Franck der Polizei ein ums andere mal ein Schnippchen schlagen kann, während er versucht, den skrupellosen Jean-Louis zu finden, bevor der sich an Frau und Kind vergeht. Natürlich geht eine solche Jagd nicht ohne Blessuren vonstatten, so dass schon bald die ersten Opfer zu beklagen sind. Wird Franck es noch rechtzeitig schaffen, seine Familie vor dem soziopathischen Pädophilen zu retten?
"On the Run" ist ein herrlich schnittiger, spannender und kurzweiliger Actionthriller, der überraschend glaubwürdig und sogar halbwegs logisch daherkommt. Sicherlich wären im echten Leben ein paar Knochen mehr kaputt gegangen als es bei unserem Helden wider Willen der Fall ist, aber schließlich ist der ja auch auf der Flucht und soll nicht schon nach fünf Minuten wieder in Polizeigewahrsam geraten, was sollte man denn sonst mit den restlichen 97 Minuten anfangen? Eben. Also wird gerannt, geschossen, gesprungen, gerast, sich versteckt und untergetaucht, dass es eine wahre Freude ist. Der Plot gewinnt durch die multiplen Verfolgungen (Jean-Louis wird von Franck verfolgt, dem wiederum die Polizei im Nacken sitzt, die wiederum der Zeit hinterher rennt, die auch Franck wegrennt) zusätzlich an Tempo, da es hier mehr als einen Gejagten und gleich mehrere Jäger gibt. Die Sympathien des Zuschauers sind klar auf Francks Seite, wie sollte es auch anders sein, wenn sein Widersacher ein Kinderschänder ist? Aber auch ohne diesen moralischen Bonus schlägt das Herz für Franck, den schweigsamen Bankräuber, der meist ruhig und besonnen agiert und Ärger aus dem Weg geht. Als es aber um die geht, die ihm am Nächsten stehen, kennt er kein Pardon und setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um seine Familie zu schützen. Und trotz aller Hektik und allem Zeitdruck geht er auch hier wieder äußerst clever und besonnen vor, so dass sogar die Polizei ein ums andere Mal das Nachsehen hat.
"On the Run" ist neben seiner spannenden Action-Komponente auch wunderbares Schauspielkino. Die Darsteller verkommen hier nicht zu einsilbigen Lückenbüßern zwischen zwei Shootouts, nein, sie bekommen Zeit und Raum, ihre Charaktere mit ausreichend Tiefe zu füllen, so dass sie hinreichend glaubwürdig rüberkommen. Sowohl Dupontel als Franck als auch Debac als Jean-Louis spielen ihre Parts großartig. Der nur vermeintlich knallharte Bankräuber, den die Suche nach seiner Familie und seiner Verantwortung ihr gegenüber fast umbringt ist genauso authentisch wie Debacs sinistere und ambivalente Darstellung des freundlichen Unschuldslamms und des skrupellosen, perversen Verbrechers. Die Rollen von Jägern und Gejagten wechseln sich rhythmisch ab, so dass man kaum Zeit hat, mal Luftzuholen während dieser grandiosen französischen Verfolgungsjagd. Und Regisseur Eric Valette hat sich nach seinem absolut desaströsen und peinlichen "Hybrid 3D" mit "On the Run" vollkommen rehabilitiert. Man sieht, dass man selbst Regisseuren von unfassbar schlechten Filmen noch mal eine Chance geben sollte. Valette kann auch anders, und zwar ganz anders, wie er mit "On the Run" eindrucksvoll beweist.
"On the Run" spielt gekonnt mit der Erwartungshaltung des Zuschauers und kann diese nebenbei auch noch voll erfüllen. Man bekommt mit diesem französischen Actioner einen ungewöhnlich guten, dichten Thriller ohne Tempolimit vorgesetzt, der nur kurz Anlauf nimmt, um dann rasend schnell die in Gangsterhände genommene Gerechtigkeit walten zu lassen. Der Film scheut sich nicht, drastische körperliche Gewalt zu zeigen, allzu blutig wird es jedoch trotzdem nicht, da hier das Augenmerk eher auf testosterongeschwängerten Faustkämpfen als auf sadistischen Blutorgien liegt. Bis auf marginale Abzüge im Bereich Logik und physikalisch Möglichem ergo satte vier von fünf Paar Turnschuhen, die einem eine schnelle Flucht ermöglichen.