Wer sich mit Themen wie Militärgeschichte und Militärsoziologie mittels der Instrumente des wissenschaftlichen Handwerks deutscher Ausprägung befasst, der ist durch den ersten Eindruck von Grossmans Buch ersteinmal verwirrt oder gereizt - je nach Gemütslage: Eine extrem knappe Bibliographie und die ist weder besonders eklektisch noch aktuell. Keine Belegarbeit - Fußnoten tauchen zwar vereinzelt auf, sind aber nur Anker für Exkurse. Die Struktur des Buches ist so untergliedert, dass die einzelenen Fließtexte praktisch auf jeder zweiten Seite von einer Unterunterüberschrift durchbrochen sind - lange, kontemplative Texte auf der Basis wissenschaftlicher Forschung mit präziser Belegarbeit sind hier also Fehlanzeige.
Steigt man dann in das Buch selber ein, so verstärkt sich dieser Eindruck noch: Ein für deutsche Begriffe stilistisch flapsiger Schreibstil, der eine Argumentation darlegt, die nicht zwischen Pros und Contras mändert, sondern definitiv formulierte Aussage an definitiv formulierte Aussage reiht - hier liest der kritische Leser in Stil und Argumentation deutlich Grossmans militärische Provenienz heraus. Dazu kommen mehr als kühzne Generalisierungen, die mehr als einmal nicht nur für den historischen Bereich fragwürdig erscheinen, sondern gleich noch andere Disziplinen mit ankratzen. Das Buch erhält durch diese Kombination einen beinahe stammtischartigen Beigeschmack.
Warum ist es dann dennoch zu empfehlen? Weil Grossman in diesem aufreizenden Stil ein Buch vorlegt, das eine so faszinierende These durchdekliniert, dass man das Buch einfach nicht weglegen will. Der Untertitel des Buches grenzt die Frage ein: "The Psychological Cost of Learning to Kill in War and Society".
Grossmann, der unter anderem Psychologie in West Point lehrte an der Arkansas State University Professor für Military Science war, argumentiert, dass die psychologische Tötungshemmung des Menschen bis in das 20. Jahrhundert hinein so stark war, dass Soldaten der Neuzeit (nur hier liegen Daten vor) zu über 80% alles getan haben, um das Töten des Gegners zu vermeiden - wohlgemerkt das Töten, nicht die Schlacht als solche, es geht hier nicht um "Feigheit" im altmodischen Sinne. Grossman legt ein ganzes Panoptikum von Aspekten dar, die diese Tötungshemmung begründen und verstärken und stellt gleichzeitig dar, welche Faktoren diese Hemmungen wieder aufweichen können. Die beiden Punkte umfassen Angst, Erschöpfung, Schuld, Hass, Grenzen der Wahrnehmung, Distanzen des Tötungsvorganges, mechanische Filter, Befehlszwänge, Gruppenvergebung, Kosten-Nutzen-Rechnungen, psychopathische Prädsipositionen, rassistische Perspektiven und noch mehr. Dieses Kapitel lässt den Leser geradezu atemlos zurück: Jeder einzelne Punkte ist anregend und überraschend einerseits - fühlt sich aber auch jedes mal ob der oben genannten Kritik vollkommen unfertig an und fordert nach einem drastischen "Mehr" an Informationen und Belegarbeit.
Nach einem kurzen Exkurs zum Thema Atrocities geht Grossman dann zum zweiten Teil über: Nachdem das US-Militär nach dem Zweiten Weltkrieg die Tötungshemmung erkannt hatte und einen nicht geringen Teil der von Grossman referierten Aspekte als Gründe dafür erforscht hatte, war die naheliegende Frage aus Sicht der Militärs angesichts von 80% Nichtkämpfern natürlich: "Was tun wir dagegen?" Grossman stellt die Methoden dar, mit denen das US-Militär die Rate von Nichtkämpfern in Vietnam auf unter 5% drückte - hier geht es vor allem um Konditionierung und Automatisierung von Abläufen. Dieser Teil mündet in eine Darstellung der Kosten dieses Prozesses: Wenn gezielt eine tief verwurzelte und weit verbreitete psychologische Sperre eingerissen wird, muss dies Konsequenzen haben. Diese maniferstieren sich in der explosionsartigen Zunahme von posttraumatische Belastungsstörungen bei US-Soldaten seit Vietnam.
In einem letzten und schwächsten Teil geht Grossman dann auf Parallelen dieser Konditionierung beim Militär einerseits und den Auswirkungen von Computerspielen und Actionfilmen auf die junge Generation Amerikas andererseits ein. Dieses besonders kühne und generalisierende Kapitel war es, das Grossmann in der Diskussion um Amokläufe, Computerspiele und Hollywood in Amerika relativ bekannt machte.
Das Buch lässt den kritischen Leser angeregt gereizt gleichermaßen zurück. Angeregt, weil das Buch enorm viele neue und faszinierende Facetten präsentiert, die auch alle eine innrere Logik haben und deshalb nicht einfach verworfen werden können. Gereitz deshalb, weil diese faszinierenden Facetten zu kurz, zu platt, zu generalisierend und vor allem zu schlecht belegt präsentiert werden.
Das Buch ist damit vor allem eines: Eine gute Startbasis für das Eintauchen in Militärsoziologie und Kriegspsychologie. Das Problem ist nur, dass dieses Eintauchen sehr vorsichtig geschehen muss, da das Becken nicht sehr tief ist - dieser Bereich steht erst am Anfang der breiten wissenschaftlichen Ausarbeitung. Das macht Grossmans Buch noch wichtiger. Und noch reizender.