Das just erschiene Buch des unter Nixon und Ford tätigen Außenministers Kissinger, ist aufgrund des persönlichen Erfahrungsschatzes des Architekten der zwischen der VRC und USA im Jahre 1971 eingeleiteten Entspannungs- bzw. Ping-Pong-Politik, sicherlich eines der informativsten Bücher, was in den letzten Jahren über China geschrieben wurde.
Wie in vielen anderen Büchern auch, widmet sich der erste Teil dieses Buches der Geschichte Chinas von den Anfängen der drei Urkaiser bis zur Gründung der VRC im Oktober 1949. Dieser Teil besticht jedoch durch Übersichtlichkeit, Fokussierung auf Hauptereignisse und Kurzatmigkeit. Zwischendurch bringt Kissinger durch diese Geschichtskapitel dem Leser immer wieder die chinesische Mentalität näher, da Chinesen gerne historisch zitieren und historische Analogien ziehen. So war es bspw. Mao Zedong höchstpersönlich, der beim Konflikt Chinas mit Indien im Oktober 1962 Rückschlüsse für die festzulegende Militärstrategie aus einem Konflikt mit Indien aus der Tang-Dynasty (618-907) zog. Kissinger beschreibt diese Geschichtsverbundenheit der Chinesen als einmalig.
Die Informationsschatztruhe dieses Buchs beinhaltet vor allem die persönliche Begegnungen Kissingers mit den jeweiligen Parteiführen, angefangen von dem legendären" Mao Zedong, hin zum kurzregierenden persönlichen Nachfolger Hua Guofeng, hin zum pragmatischen Deng Xiao Ping, der mit seiner Reform- und Öffnungspolitik die Grundlage für die bis heute andauernden wirtschaftlichen Erfolge Chinas legte, hin zu dem als sehr intellektuell beschrieben Jiang Zemin, bis schließlich zu den momentan regierenden Parteiapparatschiks Wen Jiaobao und Hu Jintao. Letztere betreiben heutzutage eine eher vorsichtige Politik, die teilweise in diametralem Gegensatz zu der Politik der, in Anlehnung an die Chicago Boys genannten Shanghai Boys um Jiang Zemin, steht. Vor allem der harmonische Ausgleich der Gesellschaft und die Erschließung der rückständigen Westgebiete, d.h. generell mehr ökonomischer Ausgleich als Turbokapitalismus, stehen im Fokus dieser Politik. Dies jedoch immer vor dem Hintergrund, die Machtbasis der KPC nicht zu gefährden.
Viele persönliche Dialoge, Zitate, Sitzungsinhalte und -ergebnisse beider Seiten, geben dem Laien immer wieder die Möglichkeit, sich in diplomatische Situationen hineinzuversetzen, die ansonsten nur oberflächlich und für die Öffentlichkeit portioniert in Nachrichten und Zeitungen wiedergegeben werden. Der Großteil des Buchs dreht sich dabei immer wieder um Macht-, Real- und Eindämmungspolitik zwischen dem Dreigestirn UdSSR/Russland, China und der USA. Gemäß Bismarck, den er als vermutlich größten Diplomaten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschreibt, ist es bei einer Weltordnung mit fünf bestimmenden Mächten immer besser zu einer Gruppe von Drei zu gehören. Auf die damalige Konstellation heruntergebrochen folgert Kissinger, dass es bei drei bestimmenden Mächten zu einer Gruppe der Zwei zu gehören, weshalb letztendlich sich Nixon entschloss, den Schulterschluss auf Kosten der UdSSR zu suchen.
Persönlicher Höhepunkt dieses Buches ist bereits die Seite 21. Hierin wird beschrieben wie die Chinesen im für sie selbst beschwerlichen Kontakt mit Fremden bereits in der Han-Dynasty in der Zeit von 206 v. Chr. bis 220 n. Chr. mit einem Barbarenmanagement" den feindlich gesinnten Stamm der Xiongnu" für Ihre eigenen Zwecke einverleibten. Wörtlich heißt es:
To give them ... elaborate clothes and carriages in order to corrupt their eyes; to give them fine food to corrupt their mouth; to give them music and women in order to corrupt their ears; to provide them with lofty buildings, granaries and slaves in order to corrupt their stomach ... and, as for those who come to surrender , the emperor (should) sow them favor by honoring them with an imperial reception party in which the emperor should personal serve them wine and food as to corrupt their mind. These are what they call the five baits."
Da Ausländer auch heute noch vielerorts als Barbaren angesehen werden, ist es nicht verwunderlich, wenn diese Fünf Verlockungen" auch heute noch von den Chinesen geschickt als Waffe eingesetzt werden, um Ausländer zu instrumentalisieren, so dass somit auch die im Westen vielzitierte Maxime Wandel durch Handel" eher ins Lächerliche gezogen wird, da mittlerweile eher die Chinesen in Ihrem Interesse wandeln, als sich wandeln zu lassen. So wird jeder, der bereits in China von Lieferanten, Kunden oder Regierungsstellen eingeladen war, sehr wahrscheinlich mit einem süffisanten Lächeln die Parallelen zwischen heutigen und dem vor 2000 Jahren installierten "Barbarenmanagement" zur Kenntnis nehmen. Lax formuliert verstehen es die Chinesen brilliant, Wein, Weib und Gesang (Mittleres des Öfteren sehr beliebtes Erpressungsmittel bei anschließenden geschäftlichen Entscheidungen) für die Regulierung der Ausländer einzusetzen, vor allem dann wenn der hierarchieoberste Chinese persönlich die Bewirtung übernimmt.
Generell sollte man sich trotz des sehr erkenntnisreichen Inhalts dieses Buchs stets vor Augen halten, dass der Autor wichtige (subjektiv gesehen negative) Ereignisse der Geschichte der VRC wie Kulturrevolution, Großer Sprung nach Vorn, mehrere Anti-Bewegungen, etc., die unzählige Millionen Todesopfer forderten, eher beiläufig erwähnt, um es sich wahrscheinlich mit den momentan einflussreichen Zirkeln Chinas nicht zu verderben. Dies ist sicherlich mit dessen eigener Lobbyarbeit im Rahmen der Kissinger Associates inc." zu erklären. So war Kissinger in vielen Fällen Türöffner und Mediator für amerikanische Unternehmen (Heinz, ITT, American International Group, Atlantic Richfield, etc.).
Als Deutscher wird einem nach Abschluss dieser Lektüre leider auch wieder am persönlichen außergewöhnlichen Lebenslauf Kissingers bewusst, inwieweit der massive Brain Drain" vor 70 Jahren Deutschland trotz des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders" schädigte, da Selbiger bereits 1938 seine Heimatstadt Fürth wegen der braunen Gefahr für Leib und Leben zum großen Nutzen der USA verlassen musste.
Dieses Buch wird mit Sicherheit ein internationaler Bestseller werden und sollte für alle in internationaler Politik Interessierter Pflichtlektüre sein, vor allem weil in diesem Buch zum Schluss auch die neuerdings immer öfters zitierten geschichtlichen Parallelen zwischen dem jetzigen China und dem weiland machtvollen und -hungrigen Deutschen Kaiserreich erörtert werden.