Mit seinem Roman "On Chesil Beach" taucht der Booker-Prize-Träger Ian McEwan tief in die Gemüter zweier Eheleute ein. Edward und Florence, frisch verheiratet, verbringen ihre Hochzeitsnacht in der Suite eines Strandhotels. Die erste Liebesnacht der beiden wird überschattet von schwer überwindbaren Hindernissen: Ängsten, Sehnsüchten, Unausgesprochenem, Vergangenem - und vor allem dem Versuch, eine Rolle wider die eigenen Bedürfnisse zu spielen.
"...with my body I thee worship - a dirty, joyous, bare-limbed freedom, which rose in his imagination like a vast airy cathedral, ruined perhaps, roofless, fan-vaulted to the skies, where they would weightlessly drift upwards in powerful embrace and have each other, drown each other in waves of breathless, mindless ecstasy. It was so simple! Why weren't they up there now, instead of sitting here, bottled up with all the things they did not know how to say or dared not do."
"On Chesil Beach" verwandelt den dramaturgischen Aufbau hin zum buchstäblichen "Höhepunkt" der Hochzeitsnacht in das absolute Gegenteil. Subtil, feinsinnig, mit einem sicheren Gespür für die kleinen und großen Kränkungen, die Gesten, Berührungen und Worte - auch die unausgesprochenen - auszulösen vermögen, erzählt McEwan seine Geschichte.
Die Geschehnisse der Hochzeitsnacht werden mit Episoden aus der Vergangenheit des Ehepaars illustriert und lassen so die beiden Charaktere sehr plastisch werden.
McEwan hat in seinem Roman ein subtiles Geflecht aus Wissen und Nicht-Wissen angelegt; der Leser kennt die Figuren wesentlich besser als sie einander kennen. Und so wird - um einmal in der sexuellen Konnotation des Wortes zu bleiben - das "Erkennen" von Edward und Florence zum eigentlichen Desaster. Die Charaktere teilen den Makel, dass es ihnen lange Zeit an der wahren, echten Gefühlsaussprache fehlt. Die Begierde Edwards muss an den unterdrückten Gefühlen seiner Gattin förmlich abprallen. Dass hinter der etwas spätentwickelten, scheinbar frigiden Florence allerdings noch weit mehr steckt, wird der Leser erst nach dem Lesen der letzten Romanseite vollends durchschaut haben.
McEwan hinterlässt mit "On Chesil Beach" großen Eindruck. Es ist unter den Buchpublikationen auf dem Literaturmarkt dieser Welt keine Selbstverständlichkeit, dass ein Schriftsteller derart stilsicher und souverän in die Seelen zweier Figuren zu blicken vermag. Dass er ferner das Geschehen poetisch ausgestaltet und das ganze Gebilde schließlich in einen großen Lebenslauf der beiden einbettet. Selbst der kleine Nachtrag McEwans berührt - wie der gesamte Roman - das Gemüt. Ein rundum gelungenes Werk, das sich für die engere Auswahl im Rennen um den diesjährigen Booker-Prize empfohlen haben dürfte.