"On the beach" ist ein Liebling der Kritiker. Beim Publikum ist es weniger erfolgreich, behaupte ich jetzt mal, ohne über die Verkaufszahlen informiert zu sein. Anders als das, ebenfalls bei Kritikern und Neil Young selbst, sehr geschätzte, aber schwach verkaufte "Tonight's the night" ist "On the beach" allerdings ein Album das ausschließlich brillante Songs mit guten Texten enthält, die noch dazu sehr angenehm klingen. Wer Neil Youngs Musik mag, sollte dieses Album unbedingt besitzen! Es ist ein Werk voller Melancholie, Nachdenklichkeit, Selbstmitleid und Sarkasmus. Einzig der erste Song "Walk on" ist fröhlich, hier spricht sich der Meister selbst Mut zu. Ansonsten ist bereits beim Blick auf die Songtitel klar, wohin die Reise geht: drei Mal Blues. Der coolste ist der Vampire blues", eine bissige Abrechnung mit der gierigen Ölindustrie. Entstanden zur Zeit der Ölkrise der 1970er. Wäre mal ein schöner Song für eine Fernsehwerbung. Passender als Lennons Kommunismus-Hymne "Imagine", das sich vor einigen Jahren ein Energiekonzern einverleibt hatte. "I'm a vampire baby, sucking blood from the earth."
Das majestätischste Lied, eines der besten, das Neil Young je geschrieben hat ist "Ambulance blues" - unbeschreiblich schön! Aber wie gesagt, eben auch ein Blues. "I never knew a man could tell so many lies. He has a different story for every set of eyes."
Wie für alles Neue braucht der Hörer etwas Zeit um mit On the beach" warm zu werden. Das Album enthält eben keine Hits und kein leicht eingängiges Gedudel, an das man sich ebenso schnell gewöhnt wie satt gehört hat. Wie bei den besten Werken des Meisters, "Harvest", "After the goldrush", "Comes a time" etc. entfaltet sich die ganze Größe dieses Geniestreichs am besten beim Hören des gesamten Albums. Aber auch einzelne Songs, ganz besonders Ambulance blues" sind für sich alleine schon brillant! Wie gut, daß es die Repeat-Taste am CD-Player gibt. Ach ja, CD's. Die mag der Meister bekanntlich nicht besonders und hat deshalb auch so lange mit der Veröffentlichung dieser Platte im digitalen Format gezögert, weil er mit der Klangqualität der kalten CD's unzufrieden war. Leider kenne ich die Vinyl-Fassung nicht. Aber diese CD klingt durchaus gut, auch über Kopfhörer. Und wer es noch besser will, der wartet auf die DVD-Audio Version. Mit Harvest" hat die Plattenfirma ja bereits begonnen, den Backkatalog in klanglich verbesserter Ausgabe zu veröffentlichen.
"On the beach" zeigt einen in sich gekehrten, grüblerischen und schwermütigen Neil Young. Im Titelstück bekennt er: "I need a crowd of people, but I can't face them day to day." Das ist sympathisch ehrlich und zweifellos besser als das manchmal nervige Publikum anzuspucken, wie es Pink Floyds Roger Waters tat. Neil Young nimmt sich hier mal eine Auszeit vom Showbusiness, nachdem er kurz zuvor mit "Heart of gold" am Scheideweg stand. Kurzfristig hätte er einer der kommerziell erfolgreichsten Stars der Siebziger werden können. Er entschied sich für eine lange, bis heute anhaltende Musikerkarriere und gönnte sich den Luxus seine Kreativität auszuleben. Die Fans lieben ihn dafür abgöttisch, auch wenn sie dafür Unfug wie "Trans" und "Everybody's rocking" erdulden mußten.
Anspieltipps: Walk on, Vampire blues, Ambulance blues