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Rezensent: Christoph Pöppe
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Dueck holt bis in die Antike aus: Zunächst dekonstruiert er die Philosophien seiner berühmten klassischen und neuzeitlichen Vorgänger zu den Themen "höchstes Gut", "Lebenssinn" und "Erkenntnis". Er entlarvt sie u.a. als Ausdruck der verschiedenen Charaktertypen ihrer Schöpfer und erklärt den "ewigen Streit" zwischen den verschiedenen Philosophie-Schulen deshalb für nicht zu entscheiden. Mehr noch, er macht klar, dass die Verengung auf eine „beste" Philosophie weder angemessen noch wünschenswert ist. Wie der Name des Buchs „Omnisophie" andeutet, schlägt Dueck stattdessen eine Philosophie der Vielfalt vor, eine Art Weltformel für all die verschiedenen Ziele, Lebenssinne und „höchsten Güter", um die Menschen und ihre Eigenarten einander verständlicher zu machen und so einen konfliktärmeren Umgang miteinander zu ermöglichen.
Ähnlich wie Jung, Keirsey und andere entwickelt Dueck eine eigene, hoch differenzierende Charaktertypen-Lehre des Menschen. Statt jedoch ausschließlich von außen zu beobachtendes Verhalten heranzuziehen und zu klassifizieren, basiert sein Schema erstmals (?) auch auf Annahmen zu den vom menschlichen Gehirn physiologisch bzw. phänomenologisch ausgeprägten Denkarten - dem rationalen, dem intuitiven und dem reflexartigen Denken. Für alle drei Denkarten skizziert Dueck jeweils sehr verständlich ein mathematisch-informatisches Modell, das die wesentlichen Eigenschaften beschreibt.
Von diesen Denkarten leitet er drei Haupt-Charaktertypen ab - den Richtigen, der nach Höherwertigkeit durch Systemkonformität strebt, den Wahren, der seine Bestimmung in Ideen findet und den Natürlichen, für den das Glückserlebnis an vorderster Stelle steht. In den verschiedenen Charaktertypen sieht er jeweils eine der Denkarten vorherrschend.
Hier ist der einzige Punkt, an dem ich Dueck bis heute nicht so ganz folgen will bzw. noch eine Lücke in der Ableitung sehe: Die ersten zwei Denkarten scheiden laut Dueck zwei sehr verschiedene Charaktertypen, während die dritte Denkart, das Reflexhafte, als Gefahranzeiger allen Charakteren zu eigen ist, wenn auch in partiell unterschiedlichen Ausprägungen. Damit erklärt Dueck die typmäßig „natürlichen" Menschen für meinen Geschmack nicht ausreichend. Der natürliche Mensch im Sinne der dueck'schen Charaktertyp-Lehre soll sich unter der Kontrolle eines nicht weiter erklärten „Willens" nach Bedarf bei der rationalen und der intuitiven Denkart bedienen. Art und Herkunft des Willens als eigene Steuerungsinstanz der „Natürlichen" werden nicht so elegant erklärt wie die anderen Denkarten. Dadurch erscheint mir dieser Teil in den Einzelanalysen und den Hypothesen zwar brilliant, in der Abbildung von Physiologie, Funktionsweise und Charakterausprägungen aufeinander allerdings noch nicht ganz vollständig.
Dennoch: Lässt man sich auf das Schema und seine Implikationen ein (was Duecks Hauptanliegen ist), werden viele Verhaltensweisen und Konflikte der Menschen plötzlich sonnenklar. Auch wenn Dueck in diesem Band noch nicht ganz tief und ausführlich zur Anwendung seiner Omnisophie zur Analyse unserer Gesellschaft und ihrer Probleme schreitet, „erledigt" er hier argumentativ dennoch bereits menschenverachtende Management-Theorien und -Praktiken, das deutsche Schulsystem nach dem Pisa-Schock sowie die Vorstellung, dass Menschen beliebig flexibel sein können.
Werden wir bald Dueck in einem Atemzug mit Platon, Artistoteles, Nietzsche und Kant nennen?
Ich glaube nicht. Denn im Gegensatz zu diesen schreibt Dueck bei aller intellektuellen Tiefe und grenzüberschreitenden Breite seiner Betrachtungen verständlich, (selbt-)ironisch, und unterhaltsam. Mir jedenfalls sind die Beobachtungen, Analysen, Argumente und Folgerungen in "Omnisophie" weitgehend widerstandsfrei ins Hirn geflutscht, obwohl ich eher als hyperkritisch gelte. Die vielen konkreten Beispiele und Anekdoten, mit denen er seine Überlegungen illustriert, kamen mir oft fast schmerzhaft bekannt vor.
„Omnisophie" ist laut Dueck nur eine erste Näherung an die ultimative Erkenntnis zu den Menschen und ihrem Zusammenleben auf diesem Planeten. Ich hoffe und vertraue darauf, dass er uns auch an den nächsten Stufen seiner Denkarbeit in Form weiterer Omnisophie-Bände teilhaben lässt und ihm sein Arbeitgeber IBM im Eigeninterresse, sich mit einem solchen Denker schmücken zu können, den dafür nötigen Freiraum gibt.
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