Ein alter Mann erzählt einem jungen Psychologen eine Geschichte, seine Geschichte, seine Lebensgeschichte. Wie er, Jude, die Zeit des Nationalsozialismusses übrlebt hat. Was er durchgemacht hat, was er erleiden musste.
Ein alter Physiker und Nobelpreisträger, der während des Nationalsozialismusses in die USA flüchtete liebt eine junge italienische Physikerin die auf der Suche nach dunkle Materie und der Zukunft des Universums ist.
Ein alter Mann rekrutiert eine Gruppe grobschlächtiger, einfältiger Neonazis.
Und all das in Berlin, kurz nach der Wende. Natürlich hängt alles irgendwie zusammen
Aber um was geht es eigentlich? Es geht um Liebe. In all ihren Formen und Ausformungen. Es geht um Verrat. Um Glauben. Um Kompromisslosigkeit. Um Erkenntnisse. Um den Sinn, der sich hinter all unserem Tun und Schaffen Verbirgt. Wenn es diesen Sinn dennn überhaupt gibt.
Aber um was geht es wirklich?
Paul Andermanns, Psychologe bekommt eine Stelle als Postdoc in Potsdam. Dort verliebt er sich in Donatella. Die hält sich aber bedeckt und spielt scheinbar ein bisschen mit ihm. Im Krankenhaus lernt er Josef de Heer kennen. Der erzählt ihm von seinem Leben als jüdischer Junge im Berlin der 30er Jahre. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus erklärt Paul sich bereit sich de Heers Lebensgeschichte anzuhören und aufzuschreiben.
Goldfarb ist ein rennomierter Wissenschaftler. Wir erfahren auszugsweise auch seine Lebensgeschichte. Wie seine Mutter, Jüdin und Kommunistin vor den Nazis in die USA flieht. Was ihn dazu bewegt Physik zu studieren, und was ihn nach New Mexico verschlägt.
Die Rahmenhandlung ist das, was Paul in Potsdam widerfährt. Das ist allerdings der kleinste Teil. Der Großteil des Buches besteht aber aus der Geschichte de Heers und der Goldfarbs. Die anfangs noch sehr weit auseinanderliegenden Erzählfäden verflechten sich erst spät. Erst nach fast 150 Seiten hat man langsam eine Idee, um was es gehen könnte. Nach 400 Seiten ist die Idee schon ausgereifter, aber noch nicht befriedigend. Nach etwa 700 Seiten hat sich die Idee zu einer Ahnung entwickelt. Man glaubt zu wissen was auf den letzten 250 Seiten geschehen könnte. Etwa 100 Seiten später hat sich alles geändert. Die vorher so schöne Ahnung, die ja fast schon Gewissheit war pulverisiert sich plötzlich. Allerdings steigt Phönixartig schon eine neue Idee auf, eine neue Ahnung. Die Erzählfäden sind aufs dichteste miteinander verschlungen. Schließlich, nach 955 Seiten ist das Buch am Ende angelangt. Jetzt versteht man wirklich. Jetzt kann man auch sagen um was es wirklich in dem Buch gegangen ist.
Das Ende des Buches ist total überraschend, es schlägt ein wie eine Bombe, scheint übertrieben, unlogisch. Aber es passt. Das Ende muss (wenn man das Buch in seiner Gesamtheit betrachtet) so kommen.
Der Schreibstil ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig. Teilweise schreibt Verhaeghen erst was passiert, dann wie es dazu kam, um dann wieder darauf zurückzukommen was passiert. Ein Kapitel enthält mindestens 2 Storys (meißt eine in der Gegenwart, eine in der Vergangenheit). Der Wechsel zwischen den beiden Geschichten macht sich nur dadurch deutlich, dass die Absätze mit einem Stern * getrennt sind. Und, aber auch nicht immer, im Wechsel des Erzählstils, bzw. der Erzählperspektive. Das kann mitunter durchaus verwirren. Dieses Buch will aufmerksam gelesen werden. Nichts für zwischendurch. Hier ist Konzentration gefragt. Aber auch Allgemeinwissen. Um manche Hintergründe muss man Kenntnis haben um zu verstehen, um was es geht.
Die Geschichte ist in vier Teile eingeteilt. Tamas, Rajas, Sattva (den drei Gunas der indischen Philosophie) und Om.
Das Buch besitzt ein Inhaltsverzeichnis. In diesem sind jeweils kurze Inhaltsangaben der einzelnen Kapitel. Natürlich sollte man sich diese nicht vorher durchlesen, auch wenn sie nicht allzuviel verraten. Da ein Kapitel aber mitunter auch um die 100 Seiten umfasst, erfährt man schnell zuviel über den weiteren Verlauf. Nachdem man das Buch oder das entsprechende Kapitel gelesen hat, kann es aber durchaus hilfreich sein nochmal in ein paar Sätzen den wesentlichen Inhalt zu erfahren.
In der Geschichte gibt es immer wieder erotische Szenen. Verhaehgen beschreibt diese sehr Detailgetreu (beinahe etwas pornografisch), oft etwas Ironisch. Er selbst hat in einem Interview gesagt: "Aber wie viele Europäer habe ich das doppelbödige Bedürfnis, eine Ideengeschichte zu schreiben, die sich mit einer großen Portion Ironie und Erotik »verkleiden« lässt".
Verhaeghen sagt zur Thematik des Buches unter anderem: "Die Hauptfrage für mich war: »Wie vereinbaren Menschen das Persönliche mit dem Historischen? Welche Art von Entscheidungen treffen sie bzw. treffen sie überhaupt Entscheidungen? Was ist historische Kurzsichtigkeit? Wie bekämpft man den wachsenden Zynismus um sich herum und in sich selbst bzw. tut man es überhaupt?«"
Wenn ich das Buch in zwei Wörtern zusammenfasse, dann lauten diese: Liebe und Menschsein. Das klingt sehr hochgestochen, darauf kommt man aber erst dann, wenn das Buch gelesen ist.
Es ist keineswegs ein Liebesroman. Es geht eher um Authenzität. Ich denke dieses Buch schafft es zu erschüttern und aufzuhorchen.