Die Klasse der spiegellosen Systemkameras gibt es seit der Veröffentlichung der Panasonic G1 im Herbst 2008, also erst seit einer vergleichsweise kurzen Zeit. Ich habe die G1 damals auf die Photokina erlebt und war von den Möglichkeiten begeistert, die sich da auftaten. Und das nicht nur bezüglich Größe und Gewicht, sondern vor allem bezüglich Präzision und Art (Gesichtserkennung, Tracking AF etc) des Autofokus. Trotzdem habe ich erst mal nicht zugeschlagen, weil jede seitdem veröffentlichte spiegellose Systemkamera irgendein gravierendes Manko hatte. Zum Beispiel einen inakzeptabel langsamen AF, entscheidende Lücken in der Objektivauswahl, schlechte Stabilisierung oder einen minderwertigen Sensor (die Liste ließe sich fortsetzen).
Die Olympus OM-D E-M5 ist aus meiner Sicht die erste Spiegellose überhaupt, die sich in diesem Sinne keine gravierenden Schwächen mehr leistet. So hatte ich vor dem Kauf gehofft, und so hat es sich glücklicherweise bestätigt, auch nach vier Wochen intensiver Benutzung. Mit ihr habe ich erstmals in meinem Leben als Käufer digitaler Kameras das Gefühl, angekommen zu sein und nicht mehr auf Neuentwicklungen hoffen zu müssen. Ich glaube, die E-M5 wird bei mir bleiben, bis sie das zeitliche segnet.
Die Liste der erwünschten Eigenschaften, hinter die man mit der E-M5 einen Haken setzen kann, ist zu lang für eine Rezension wie diese. Ich empfehle einen Blick auf die üblichen Review-Seiten. Auf dpreview gibt es bereits einen wie gewohnt sehr guten Bericht von Richard Butler; imaging-resource und dcresource werden bald folgen. Zu den umfangreichen Einstellungsmöglichkeiten informiert man sich am besten im Einstellungs-Thread zur E-M5 des deutschen Systemkamera-Forums. In diesem Bericht hier möchte ich vor allem auf die Punkte eingehen, die auch nach Lektüre der üblichen Berichte nicht unbedingt klar sind, mindestens nicht in dieser Deutlichkeit. Als da wären:
- Der Stabilisator funktioniert ganz ausgezeichnet, sehr im Gegensatz zu den in den PENs eingebauten Stabis. Man soll wie immer die Werbeaussagen ('5 Blendenstufen') nicht für voll nehmen, aber der Stabi konkurriert mit den besten Objektivstabis am Markt, und das ist für einen Gehäusestabi ziemlich sensationell. Mir persönlich bringt er sichere drei Blendenstufen, was viel ist. Vor allem hat er sich aber bei mir noch nie sichtbar negativ auf die Bildqualität ausgewirkt. Auch Videos werden ganz ausgezeichnet stabilisiert (auch dies ist bei den PENs nicht der Fall).
Alle Stabilisatoren erzeugen Geräusche, so auch dieser, und es stimmt, dass er lauter arbeitet als andere Stabilisatoren. Das gilt nicht im Videomodus, wo er deutlich leiser ist, kurioserweise aber sehr wohl, wenn man ihn komplett abschaltet (keine Ahnung, ob sich letzteres durch ein Firmware-Update mal beheben lässt). Allerdings halte ich dies für ein Non-Issue. Ich habe mit der Kamera bereits in geschlossenen, vergleichsweise stillen Räumen mit anderen Personen fotografiert, und noch nie hat jemand das Geräusch bemerkt (ich habe gelegentlich nachgefragt). Dafür müsste es noch mal um einiges lauter sein.
- Für Portraits funktioniert der AF mit Gesichtserkennung ganz vorzüglich, auch bei sehr lichtstarken Objektiven (ich arbeite derzeit ausschließlich mit dem Panasonic Leica 25mm/1.4). Wenn die Person grob Richtung Kamera guckt, wird das Gesicht sicher erkannt und das vom Fotografen eingestellte Auge (das linke, das rechte, oder schlicht das nähere) fokussiert. Und zwar exakt. Kein Frontfokus, kein Backfokus, und es wird auch wirklich das Auge fokussiert und nicht etwa die Nase, die Hutkrempe oder sonst etwas, was sich dichter an der Kamera befindet als das Auge.
Trotz solcher positiven Highlights wird man als DSLR-Umsteiger den Umgang mit dem AF lernen müssen. Die typische DSLR-Fokussiereigenschaft, immer auf das nächste Objekt im AF-Bereich zu fokussieren, über deren Fehlen ich mich eben im Fall von Portraits noch gefreut habe, wird anderenorts nämlich durchaus vermisst. Wenn das AF-Feld zum Teil ein kontrastarmes Objekt im Vordergrund enthält, Teile aber auch von kontrastreichem Hintergrund ausgefüllt werden, wird sich der AF meist für den Hintergrund entscheiden, was man ja nun gar nicht will. Und diese Situation tritt oft auf, Haut und Fell sind nun mal kontrastarme Strukturen. Man kann sich dagegen wehren, insbesondere mit der Lupenfunktion, mit deren Hilfe man de facto das AF-Feld verkleinern kann. Doch der Umgang damit will geübt werden, vor allem wenn man bei Serienbildern mit AF-C das Hauptmotiv dann in dem kleinen und ab dem 2.Bild nicht mehr angezeigten AF-Rahmen halten muss...
- A propos Serienbilder: hier macht sich sehr positiv bemerkbar, dass die E-M5 eine kurze Blackout-Zeit hat, durchaus mit der von Spiegelreflex-Kameras vergleichbar. Bei den weitaus meisten Spiegellosen ist das leider nicht der Fall. Dies hilft nicht nur bei Serienbildern, sondern vor allem auch bei der ganz normalen Fotografie: sehr schnell nach dem Auslösen hat man wieder ein Live-Bild im Sucher und kann also ggfs. schnell erneut auslösen.
- Eine echte Überraschung stellten die Art-Filter für mich dar. Eigentlich hatte ich die vor dem Kauf als nutzloses Werbefeature abgetan, doch siehe da: einige davon verwende ich tatsächlich. Es ist eben doch ein Vorteil, bereits bei der Aufnahme im Sucher vorgeführt zu bekommen, wie das ganze am Ende aussehen wird und wie sich z.B. Änderungen in der Belichtung auswirken.
- Speziell mit dem Panasonic Leica 25mm/1.4 ist aufgefallen, dass dessen berüchtigtes Blendenklappern an der E-M5 in der Regel nicht mehr auftritt. Tipp: beim Objektivwechsel die Kamera ausschalten, sonst klappert es trotzdem! Wer als Besitzer einer E-M5 und des 25/1.4ers wissen will, wovon überhaupt die Rede ist, kann mal testhalber das Modus-Wahlrad auf 'Movie' drehen, dort Modus P einstellen und ohne wirklich einen Film aufzunehmen dann Kameraschwenks zwischen sehr hellen und sehr dunklen Motiven ausführen... das ist im Gegensatz zum Stabirauschen mal wirklich ein störendes Geräusch, und es tritt mit diesem ansonsten tollen Objektiv an allen µFT-Kameras mehr oder minder stark auf. Nur an der E-M5 nicht. Habe ich beim Kauf nicht gewusst und freue mich nun um so mehr!
- Sehr störend finde ich die 'D-Ringe', das sind diese dreieckigen Metall-Klapperteile, an denen man den Kameragurt befestigen soll. Glücklicherweise lassen sie sich sehr leicht entfernen (die flexiblen Plastikteile abziehen und dann die Metallteile ähnlich wie Schlüsselringe herausdrehen). Ich habe, einem Forumstipp folgend, an der rechten Öse jetzt so eine Handschlaufe von der Wii-Remote hängen (die Dinger halten wirklich was aus, seit Nintendo wegen zu schwacher Bänder in den ersten Versionen verklagt wurde). Damit finde ich die Handhabung nun sehr gut.
- Das Touchdisplay ist ein schöner Mehrwert. Leider kommt es sich gerne mit dem Augensensor ins Gehege, so dass man letzteren lieber deaktiviert. Das gezielte Fokussieren und die Direktauswahl von Menüpunkten im SCP (dem wichtigsten Menü) ist aber eine feine Sache. Und der Klappmechanismus ist die von mir bevorzugte Variante: mit einem Handgriff hat man eine Lichtsucher-Kamera, die sich überdies sehr gut halten lässt (ist bei den Dreh/Herausklapp-Displays leider nicht der Fall, so dass ich diese trotz ihrer größeren Flexibilität nicht so gerne mag). Leider funktioniert das Touchdisplay nicht während des Filmens, so wie überhaupt nur sehr wenige Benutzereingriffe während des Filmens möglich sind. Dies und die fehlende Unterstützung für PAL-Bildwiederholraten und 24p wird wohl Videofans einen Bogen um die Kamera machen lassen, trotz des Stabis, des auch im Video-Modus funktionierenden Tracking-AF und der auch im Video-Modus starken Bildqualität.
- Bei der Wiedergabe finde ich die langsamen Reaktionszeiten der Kamera etwas enttäuschend. Sie führen dazu, dass man nicht schnell durch die Bilder blättern kann, indem man flink am Rad dreht (es werden dann etliche Klicks einfach verschluckt). Glücklicherweise gilt das wirklich nur im Wiedergabemodus; bei der Aufnahme reagiert die Kamera flott und zuverlässig auf Benutzereingaben.
Fazit: eine richtig gute Kamera ist Olympus da gelungen! Endlich kann man von den Systemstärken wie dem ausgereiften kabellosen Blitzsystem und dem tollen µFT-Objektivpark profitieren, ohne sich an anderer Stelle mit gravierenden Einschränkungen abfinden zu müssen. Ich halte dies für den ersten ernsthaften Angriff aus dem spiegellosen Lager auf semiprofessionelle DSLRs, und das nicht nur wegen des staub/wassergeschützten Bodies und des optionalen Batteriegriffs, sondern vor allem wegen des rundum gelungenen Gesamtpakets.