Aus der Amazon.de-Redaktion
Die Trojaner und Achäer haben sich zu einem Krieg gegen die Götter verbündet, den der Altphilologe Hockenberry aus Verzweiflung angezettelt hat. Doch die Götter, technologisch extrem manipulierte Nachmenschen, hetzen die Griechen wieder gegen die Trojaner auf und bekriegen sich untereinander.
Währenddessen müssen die Menschen auf der Erde lernen, selbstständig zu überleben, da die Rundum-Versorgung aus den Ringstädten weggebrochen ist. Massive Attacken der roboterhaften Voynixe und die Landung der Setebos-Gottheit, bzw. ihres Dieners Caliban, sorgen dabei für zusätzliche Herausforderungen. Die biomechanischen Moravecs, die sich im Mars-Orbit aufhalten, wollen den Ursachen einer Quantenfluktuation auf den Grund gehen, die dem Sonnensystem gefährlich werden könnte, und starten deshalb eine Expedition zur Erde.
Dies ist lediglich der Ausgangspunkt für die zahlreichen Verwicklungen, Überraschungen und Auflösungen, die Simmons für den Leser parat hat. Alles ist gigantisch, episch, titanisch -- um in der Begriffswelt griechischer Mythologie zu bleiben. Dan Simmons verquickt Shakespeares Sturm, die Geschichten um den trojanischen Krieg und Space Opera zu einer effektvollen Ideen-Achterbahnfahrt.
Dabei bleibt einiges offen, inhaltlich und politisch fragwürdig. Und Simmons erreicht nicht die Geschlossenheit, die Die Hyperion-Gesänge in den Rang eines Klassikers erhoben. Doch wird man in der Science Fiction derzeit nur schwer Szenen und Bilder finden, die so abgefahren und kühn sind wie Simmons bronzezeitliche Schlachten mit Energieschilden und Phaserwaffen. Und der Mut des Autors ist unbedingt bewundernswert, der auf dem Mars der Zukunft KGMs auftauchen lässt -- Kleine Grüne Männer! Um das zu glauben, muss man es lesen. --Simon Weinert -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Kurzbeschreibung
Klappentext
New York Times
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Paris' Tod im Zweikampf mit dem gnadenlosen Apollo ist seit neun Tagen Realität — die große Bestattungszeremonie, an der sowohl die Trojaner als auch die Achäer teilnehmen werden, beginnt in drei Stunden, sofern der Streitwagen der Götter, der jetzt über der Stadt ist, Ilium in den nächsten paar Minuten nicht vollständig zerstört — aber Helena kann immer noch nicht glauben, dass ihr Paris von ihr gegangen ist. Paris, der Sohn des Priamos, soll auf dem Schlachtfeld besiegt worden sein? Paris soll tot sein, in die dunklen Höhlen des Hades geworfen, bar der Schönheit seines Körpers und der Anmut seiner Bewegungen? Unvorstellbar. Er ist doch Paris, ihr schöner Knabe, der sie Menelaos geraubt habt, vorbei an den Wachen und auf und davon über Lakedämoniens grünen Rasen. Er ist Paris, ihr aufmerksamster Liebhaber selbst nach dieser langen Dekade des ermüdenden Krieges, Paris, den sie oft insgeheim als ihr »satt gefressenes, dahineilendes Pferd« bezeichnet hat.
Helena schlüpft aus dem Bett und geht zum Außenbalkon hinüber. Sie teilt die hauchdünnen Vorhänge und tritt in Iliums anbrechendes Morgengrauen hinaus. Es ist tiefer Winter, und der Marmor unter ihren bloßen Füßen ist kalt. Der Himmel ist immer noch so dunkel, dass sie vierzig oder fünfzig Scheinwerfer sehen
kann, die auf der Suche nach dem Gott oder der Göttin und dem fliegenden Streitwagen in die Höhe stechen. Wellen gedämpfter Plasma-Explosionen laufen über das halbkuppelförmige Energiefeld des Moravecs, das die Stadt schützt. Mit einem Mal bohren sich viele kohärente Lichtstrahlen — massive lapislazuliblaue, smaragdgrüne und blutrote Schäfte — aus den Verteidigungsstellungen um Ilium herum in den Himmel. Vor Helenas Augen erschüttert eine einzige gewaltige Explosion den nördlichen Quadranten der Stadt. Ihre Schockwelle hallt über Iliums dachlosen Türmen wider und weht Helena die langen, dunklen Locken von den Schultern. In den letzten Wochen haben die Götter in zunehmendem Maße versucht, das Kraftfeld mit massiven Bomben zu durchdringen; die aus einem einzigen Molekül bestehenden Bombenmäntel bewegen sich per Quantenphasenverschiebung durch den Schutzschirm der Moravecs. So haben es ihr Hockenberry und Mahnmut, das lustige kleine Geschöpf aus Metall, jedenfalls erklärt.
Helena von Troja interessiert sich nicht die Bohne für Maschinen.
Paris ist tot. Der Gedanke ist einfach unerträglich. Helena war bereit, zusammen mit Paris an jenem Tag zu sterben, an dem die Achäer unter Führung ihres früheren Gatten, Menelaos, und seines Bruders Agamemnon endlich eine Bresche in die Mauer schlagen, jeden Mann und jeden Knaben in der Stadt töten, die Frauen schänden und als Sklavinnen auf die griechischen Inseln verschleppen würden, wie es ihre Freundin Kassandra prophezeit hat. Auf diesen Tag war Helena vorbereitet — darauf, entweder von eigener Hand oder von Menelaos' Schwert den Tod zu erleiden —, aber irgendwie hat sie nie so recht geglaubt, dass ihr geliebter, eitler, gottgleicher Paris, ihr dahineilendes Pferd, ihr schöner Krieger-Gemahl, noch vor ihr sterben könnte. Im Verlauf der mehr als neun Jahre währenden Belagerung und des glorreichen Kampfes hat Helena stets darauf vertraut, dass die Götter ihren geliebten Paris am Leben, unversehrt und in ihrem Bett lassen würden. Und das haben sie auch getan. Doch nun haben sie ihn umgebracht.
Sie denkt an den Moment zurück, als sie ihren trojanischen Gemahl zuletzt gesehen hat, vor zehn Tagen. Da verließ er soeben die Stadt, auf dem Weg zu einem Zweikampf mit dem Gott Apollo. Paris hat nie zuversichtlicher ausgesehen, in strahlendes Erz gehüllt, mit stolzem, aufrechtem Haupt, dem langen Haar, das ihm um die Schultern wehte wie die Mähne eines Hengstes, und blitzenden weißen Zähnen, während Helena und Tausende andere ihm von den Mauern über dem skäischen Tor aus jubelnd nachblickten. Seine hurtigen Füße trugen ihn fort, »dem Jugendglanze vertrauend«, wie König Priamos' Lieblingsdichter zu singen beliebte. Doch an diesem Tag trugen sie ihn zu seinem Tod von den Händen des wütenden Apoll.
Und nun ist er tot, und wenn die im Flüsterton weitergegebenen Gerüchte stimmen, die Helena zu Ohren gekommen sind, ist sein Körper ein verbranntes, verwüstetes Ding; seine Knochen sind gebrochen, sein vollkommenes, goldenes Gesicht ist zu einem obszön grinsenden Totenschädel verbrannt, die blauen Augen sind zu Talg geschmolzen, Fetzen gerösteter Haut ziehen sich von seinen versengten Wangenknochen nach hinten wie ... wie bei den schwelenden Kadavern der Opfertiere, die zu Ehren der Götter auf den Altären verbrannt werden. Helena fröstelt im kalten Wind, der mit der Morgendämmerung aufgekommen ist, und sieht Rauch über den Dächern Trojas aufsteigen.
Aus dem Achäerlager im Süden schießen drei Luftabwehrraketen fauchend himmelwärts und setzen sich auf die Spur des flüchtenden Götter-Streitwagens — ein kurzes Aufblitzen, hell wie der Morgenstern, verfolgt von den Kondensstreifen der griechischen Raketen. Dann verschwindet der glänzende Punkt abrupt per Quantenverschiebung, und der Morgenhimmel ist wieder leer. Flieht nur zurück zum belagerten Olympus, ihr Feiglinge, denkt Helena von Troja.
Die Entwarnungssirenen beginnen zu heulen. Auf der Straße unter Helenas Gemächern in Paris' Anwesen ganz in der Nähe von Priamos' zerbombtem Palast wimmelt es auf einmal von Menschen, die mit Wassereimern Richtung Nordwesten laufen, wo noch immer Rauch in die Winterluft emporsteigt. Moravec-Flugmaschinen brummen über die Dächer hinweg; ihre widerhakenbewehrten Fahrwerke und hin und her schwenkenden Projektoren verleihen ihnen verblüffende Ähnlichkeit mit chitinösen schwarzen Hornissen. Wie Helena aus Erfahrung und von Hockenberrys nächtlichen Tiraden weiß, werden einige von ihnen für die Luftsicherung sorgen, wie er es nennt, während andere beim Feuerlöschen helfen. Anschließend werden Trojaner und Moravecs stundenlang verstümmelte Körper aus den Trümmern bergen. Da Helena so gut wie alle Einwohner der Stadt kennt, fragt sie sich benommen, wer von ihnen so früh an diesem Morgen in den Hades hinabgeschickt worden ist.
Am Morgen von Paris' Bestattung. Der Bestattung meines Geliebten. Meines törichten, betrogenen Geliebten.
Helena hört, wie sich ihre Dienerinnen zu regen beginnen.