Liza Marklund ist eine neue schwedische Stimme in der deutschen Krimi-Szene, die rasch ihre Fans finden wird. In ihren ersten Thriller lässt sie eine Menge eigener Erfahrungen als Reporterin einfließen -- was zu diesem außergewöhnlich guten Erstlings beiträgt.
Annika Bengtzon, Anfang 30, ist zur Leiterin der Kriminalredaktion der Stockholmer Abendzeitung ernannt worden. Sie gehört zu den Frauen, die ihren Beruf über alles lieben und rund um die Uhr an ihrem nächsten Artikel recherchieren. Sehr zum Bedauern ihres Ehemannes und der Kinder, die Annika gerne öfter daheim hätten. Eine richtig toughe Karrierefrau also? Nein, mitnichten. "Manchmal hatte sie ein so unendlich schlechtes Gewissen. Sie war nicht nur als Vorgesetzte unbeherrscht und als Reporterin wertlos, sie war eine miserable Ehefrau und eine erbärmliche Mutter." Eine ganz normale Frau also, die so gut wie möglich versucht, Beruf, Kinder und Ehe halbwegs unter einen Hut zu bringen.
Ihr neuer Fall ist ein Bombenanschlag auf das Olympiastadion. Dabei wird die Direktorin des Olympiakomitees, Christina Furhage, in die Luft gesprengt. Handelt es sich um einen Terroranschlag? Sind die Sicherheitsvorschriften für die in sieben Monaten geplanten Spiele ungenügend? Oder gilt der Anschlag Christina Furhage? Der Reiz des Olympischen Feuers liegt in der überzeugenden Realitätsnähe und der atmosphärischen Dichte der Handlung und nicht zuletzt in der sympathischen Protagonistin. Noch ein Tipp: Sollten Sie ein Handy haben, verlassen Sie das Haus nicht mehr ohne. Annika hat es das Leben gerettet.
Gekürzte Hörfassung, 3 CDs, Spieldauer: ca. 200 Minuten. Olympisches Feuer ist auch als Kassette erhältlich. --Manuela Haselberger und Alexandra Plath
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Die Lust am Mord
Neue schwedische Kriminalromane
Kriminalromane aus Skandinavien erleben zurzeit eine Hochkonjunktur. Schon seit Monaten stehen jene von Henning Mankell um Kommissar Wallander auf deutschen und schweizerischen Bestsellerlisten, und es scheint, als hätten sie einer ganzen Reihe von dänischen, norwegischen und schwedischen Mordgeschichten Bahn gebrochen bis hin zur Neuauflage von Kerstin Ekmans Kriminalromanen aus den sechziger Jahren.
Der 1948 in Mittelschweden geborene, heute in Moçambique lebende Henning Mankell erzielte mit dem 1998 bei Zsolnay veröffentlichten Roman «Die fünfte Frau» erstmals Rekordauflagen. Im Jahr darauf folgte «Die falsche Fährte», und jetzt liegt «Mittsommermord» in deutscher Übersetzung vor. In «Die fünfte Frau» müssen drei Männer für ihre Gewalttätigkeit gegen Frauen büssen, in «Die falsche Fährte» wird ein Serienmörder gejagt, der als Indianer verkleidet seine Opfer skalpiert, und in «Mittsommermord» gilt es das Verbrechen an Svedberg aufzuklären, einem Polizisten aus Kommissar Wallanders eigenem Team.
Kommissar Wallander
Mankells Kriminalromane sind jeweils nach demselben Prinzip konstruiert. Den Auftakt bildet eine Szene, die Appetit wecken soll und vom Handlungsgefüge scheinbar losgelöst ist. Denn was kann beispielsweise in «Die falsche Fährte» ein acht Monate altes Waisenmädchen in der Dominikanischen Republik mit den Morden an einem pensionierten Justizminister, einem Kunsthändler, einem Hehler und einem Spekulanten in Südschweden zu tun haben? Welche Verbindung besteht in «Mittsommermord» zwischen drei jungen Menschen, die mit Liedern des schwedischen Barockdichters Carl Michael Bellman Mittsommer feiern, und dem erschossenen Svedberg? Ist der Leser geködert, so beginnt eine Geschichte, die ganz dem klassischen Erzählmuster folgt: Die Hauptfiguren werden vorgestellt, Angaben zu Ort, Zeit, Milieu werden vermittelt, dann folgt ein Konflikt etwa ein Mord , der die Handlung auslöst, Verwicklungen und Komplikationen treiben das Geschehen voran bis zu einem Höhepunkt oder einer Krise, und schliesslich wird der Fall gelöst.
Die Lust an Geschichten als ein urmenschliches Bedürfnis sei es, die den Kriminalroman mit seiner klaren Erzählstruktur zu einer derart beliebten Gattung mache, meint der englische Literaturwissenschafter Peter Brooks. Daran mag es liegen, dass die Leser über unwahrscheinliche Situationen und konstruierte psychologische Beweggründe der Mörder grosszügig hinwegsehen. Damit lässt sich auch erklären, dass vor allem in neueren Kriminalromanen dem Privatleben des Detektivs mindestens so viel Raum zugestanden wird wie der eigentlichen kriminalistischen Handlung.
Mankell ist ein guter Erzähler. Zwar ist keiner seiner Mörder als Mensch von Fleisch und Blut vorstellbar, und sein Ermittler braucht unwahrscheinlich wenig Schlaf, aber er vermag die Spannung über fünf-, sechshundert Seiten ohne weiteres aufrechtzuerhalten, und die Ruhe des ländlichen Milieus, in der die überaus brutalen Morde für Aufregung sorgen, ist ebenso spürbar wie die Hektik des polizeilichen Alltags. Die Romane werden in erster Linie von der Hauptfigur Kurt Wallander getragen, einem Kommissar, der sowohl durch seine Alltäglichkeit als auch durch seine Erfahrung besticht. Er ist um die fünfzig, Opernliebhaber, geschieden; dank langjähriger Erfahrung erkennt er, wann jemand lügt, er bemerkt jedes Zögern im Gespräch, und er spürt einem Eindruck, der in seinem Gedächtnis haften bleibt, bis zum Ursprung nach. Wallanders Engagement für den Beruf hinterlässt Spuren: Vor einigen Jahren traten Symptome eines Herzinfarkts auf, und in «Mittsommermord» erkrankt er an Diabetes. Wallander löst seine Fälle nicht mit übermenschlichen Fähigkeiten, sondern mit harter Arbeit, und er geht gesundheitliche Risiken ein, aber keine Angst Mankell wird seinen einträglichen Helden zweifellos weiterleben lassen und versuchen, den Charakterzügen seiner Figur im nächsten Bestseller noch mehr Tiefenschärfe zu verleihen.
Während Mankell seinen Lesern die liebliche Landschaft Schonens mit wenigen Andeutungen in Erinnerung ruft, verzichtet der 1950 geborene Håkan Nesser in seinen Kriminalromanen auf eine realistische Milieubeschreibung. «Das grobmaschige Netz» (1999) ein Band der angeblich auf zehn Bände angelegten Serie spielt etwas überraschend nicht in Schweden, sondern in der fiktiven, zusammen mit anderen Ortsnamen die Niederlande evozierenden Stadt Maardam. Aber Ortsnamen allein reichen nicht aus, um eine dichte Atmosphäre zu erzeugen, und auch die mit dem Namen seines Detektivs, Van Veeteren, angestrebte Vertiefung des Hintergrunds allem Anschein nach ein Zusammenzug der Namen Janwillem van de Wetering, niederländischer Autor von international bekannten Thrillern, und Van der Valk, Amsterdamer Kommissar in Nicolas Freelings Erfolgsromanen verlässt sich zu sehr auf die Assoziationen der Leser.
Abgesehen davon ist Nesser ein ganz passabler Handwerker. In «Das grobmaschige Netz» geht es um einen Mann, der seine Frau eines Morgens tot im Badezimmer findet und trotz völligem Gedächtnisverlust glaubwürdig versichert, dass er sie nicht ermordet habe. Nessers Romane sind gut konstruiert und stringent geschrieben. Er stellt das Privatleben seines Protagonisten viel weniger in den Vordergrund als Mankell, und er ist bestrebt, eine eigene Stimme zu finden, ohne Mankells Erfolgsrezept ausser acht zu lassen. Die Figuren sind mit wenigen Worten umrissen, die Dialoge wirklichkeitsnah. Nessers Kommissar Van Veeteren ist Mankells Wallander nicht unähnlich. Aus der Sicht eines Mordverdächtigen wirkt er zwar was man verstehen kann zutiefst unsympathisch: Sein Gesicht ist von blauen, geplatzten Äderchen überzogen, seine Miene ausdruckslos, und er kaut unentwegt an einem Zahnstocher. Doch er ist wie Wallander Liebhaber der klassischen Musik, um die fünfzig, von seiner Frau getrennt, er hat berufsbedingte gesundheitliche Probleme und verlässt sich bei seinen Nachforschungen auf seine Intuition. Aber Van Veeteren treiben nicht nur ehrenvolle Motive bei seinen Ermittlungen, er gesteht sich die Lust an der Jagd ein, und während Mankell Wallanders Fälle in gesellschaftlichen Missständen verankert, sind Nessers Romane frei von oberflächlichen sozialkritischen Prätentionen.
Queen of Crime
Wer nostalgische Kriminalromane mit ländlichem Milieu allen anderen vorzieht und an der spielerischen, als Puzzle angelegten Form Vergnügen findet, wird Kerstin Ekmans Romane «Die drei kleinen Meister» und «Der brennende Ofen» zu schätzen wissen. Ekman ist im deutschen Sprachraum als Autorin «seriöser» Literatur bekannt, doch ehe sie in den siebziger Jahren das Genre wechselte, galt sie als schwedische «Queen of Crime». Beide Romane, Neuauflagen aus den sechziger Jahren, aber leider nicht neu übersetzt, sind ausserordentlich stimmungsvoll in «Die drei kleinen Meister» führt die Atmosphäre gar zum Abbruch der Ermittlungen. Das Buch spielt in Rakisjokk, hoch oben im Norden an der schwedisch-finnischen Grenze. Polizeiwachtmeister Torsson, der ursprünglich aus dem Süden stammt, wird im tiefsten Winter aufgeboten, den plötzlichen Tod des Kunstmalers Matti Olsson zu klären. Weil der Schnee die Strasse unbefahrbar macht, kämpft er sich auf Skiern durch die Finsternis, stösst auf ein paar verschlossene, bald schwedisch, bald finnisch, bald samisch sprechende Dorfbewohner und verlässt die unwirtliche Gegend ohne Ergebnis. Erst als der Maler David Malm sechs Monate später seinen Freund Matti besuchen will, kommen die Ermittlungen in Gang. «Der brennende Ofen» dagegen spielt im Bauerndorf Ärketuna, in dessen Kirche Fresken entdeckt worden sind. David Malm nimmt sich der Fresken als Restaurator an, als sich Brandgeruch über Feld und Flur legt. Zunächst brennt eine Scheune, dann ein Haus, dann der Wald. Der Pfarrer gerät unter Mordverdacht, doch welches Motiv sollte er haben?
In Kerstin Ekmans Kriminalromanen wurzelt das Übel in ganz gewöhnlichen menschlichen Lastern, wie Habgier oder Eifersucht. Man spürt ihnen die Zeit an, gerade weil sie in Milieu und Handlungsgefüge dem Alltag entrückt und ohne zeitliche Fixierung sind, und auch die leichtfüssige, auf pure Unterhaltung angelegte Erzählweise unterscheidet sich von der ambitionierten Mischform beispielsweise eines Mankell.
Lebenserfahrung
Während David Malm in aller Ruhe und Beschaulichkeit seinem Metier nachgeht und nebenbei in Kriminalfälle verwickelt wird, prägt Hektik das Leben der Journalistin Annika Bengtzon. Annika ist die Protagonistin in Liza Marklunds Thriller «Olympisches Feuer» dem ersten auf Deutsch vorliegenden Roman der 1963 geborenen Schwedin. Annika ist 32 Jahre alt, Mutter zweier kleiner Kinder, mit Thomas verheiratet und seit zwei Monaten Leiterin der Kriminalredaktion bei der Stockholmer «Abendzeitung». Alles ihre Rolle als Journalistin, Mutter und Partnerin versucht sie unter einen Hut zu bringen. Als Christina Furhage, Chefin des Olympiabüros, im halb erbauten Stadion in die Luft gesprengt wird, beginnt Annika zu ermitteln und gerät unter zusätzlichen Druck, den begehrten Posten bei der Zeitung gegenüber Neidern durch journalistische Leistung zu rechtfertigen. Über diesem Motiv der ungleichen Chancen für Frauen und Männer in der Arbeitswelt entfaltet der Roman seine Handlung. Er verbindet Protagonistin, Opfer und jene Figur miteinander, die den Mord begeht, denn die «Olympiachefin» hat sich wie Annika in einer männlich dominierten Berufswelt einen Platz erobert, während sich der Täter oder die Täterin das sei hier nicht verraten als eine Person erweisen wird, die an diesen Bedingungen gescheitert ist.
Marklunds Roman besticht nicht so sehr durch eine originelle Fabel auch die psychologischen Beweggründe für den Mord werden unnötig forciert als vielmehr durch die überzeugende Schilderung der Protagonistin, den plausiblen Hintergrund sowie Spannung und Tempo, mit denen der Leser von einer Seite zur nächsten gejagt wird. Die Autorin, die laut dem Klappentext selbst als Journalistin arbeitet, scheint in ihrem Roman eigene Erfahrungen verarbeitet zu haben. Die Last des Berufs, seine Auswirkungen auf die Hauptfigur und deren Umfeld kommen jedoch auch bei Mankell und Nesser zum Ausdruck. Die Zeiten, in denen die Fälle ohne grosse Anstrengungen gelöst werden konnten und die Detektive ohne Schaden zu nehmen als Sieger hervorgingen, sind offensichtlich vorbei.
Christine Holliger