Ulrich Sinn kann mit Fug und Recht als ausgewiesener Experte der (Entwicklungs-)Geschichte Olympias bezeichnet werden. Dafür spricht nicht nur die ihm übertragene Leitung der Grabungen in Olympia seitens des Deutschen Archäologeschen Instituts, auch eine gewisse Anzahl zum Teil sehr guter Publikationen zum Themenkomplex gehen auf ihn zurück. Besonders die Erkenntnisse zur Spätgeschichte Olympias im Rahmen des von Sinn geleiteten Forschungsprojektes „Olympia in der römischen Kaiserzeit und in der Spätantike" machten eine überarbeitete Neuauflage des erstmals 1996 erschienenen Bändchens der Beck'schen Reihe erforderlich. Dieser erschien 2002, nun liegt die dritte Auflage vor.
Die Beck'sche Reihe vermittelt dem Leser grundsätzlich die wichtigsten Informationen zu einem speziellen Themengebiet auf relativ kleinem Raum. In der Regel handelt es sich bei den Autoren um Spezialisten für das jeweilige Themengebiet, die hier einen guten ersten Überblick - etwa für Studenten - über teilweise sehr komplexe Themen bieten. Auch die lange und facettenreiche Geschichte Olympias wird in diesem Rahmen von Sinn auf nur 126 Seiten gut dargestellt - ein durchaus nicht leichtes Unterfangen. Dafür gebührt ihm ausdrückliches Lob, zumal er außerdem noch einen tabellarischen Überblick zur Entwicklungsgeschichte bietet und dem auf dem Gebiet der Antike nicht ganz sicher wandelnden Leser weitere Spezialregister zu historischen und mythologischen Personen mitliefert. Auch die Darstellung einzelner, von der reinen geschichtlichen Entwicklung abweichenden Themen, etwa der Orakelfunktion Olympias, sind gut gelungen.
Kritikpunkte ergeben sich lediglich in Details, dafür sind diese aber gravierend. Speziell ist dies bei Verallgemeinerungen oder Versuchen, Beobachtetes auf andere Stätten zu übertragen, zu erkennen. Hierbei sei etwa auf die Darstellung von Tempel, Altar und Kultbild verwiesen (speziell S.48f.). Ein Blick in die neueste Auflage der „Griechischen Tempel und Heiligtümer" von Gruben hätte sicher geholfen gewisse Fehler zu vermeiden. Ferner findet die Zugehörigkeit der Zeus-Statue des Phidias zu den sieben Weltwundern der Antike lediglich in einer Bildunterschrift unter einer äußerst schlechten Abbildung (noch dazu eine aus dem Jahr 1873) Erwähnung - nie im Text selber. Es hätte nicht weiter verwundert, hätte er dies schlichtweg komplett vergessen. Wer sich im Rahmen eines Buches mit diesem wichtigen Themenkomplex befasst muß der Betrachtung des Tempels und des Bildschmucks deutlich mehr Platz einräumen. Ähnliches gilt für Hinweise auf antike Autoren - in einer Vielzahl von Fällen schreibt Sinn von „vorliegenden Berichten" oder „Überlieferungen" ohne dabei zumindest Hinweise auf Autoren und Werke in Klammern hinter diesen Aussagen zu platzieren. Zu selten sind solche Angaben vorhanden. Ferner muß auch an Sinns kommentierter Kurzbibliographie Kritik geübt werden. Sie bietet zwar Verweise auf teilweise äußerst wichtige wissenschaftliche Literatur, doch dürften gerade den interessierten, aber nicht in dem Maße an das Fach gebundenen Leser - und sicher nicht nur diesen - weiterführende Werke zum Tempel, den antiken Sportstätten, eventuell auch zur Funktion des Ortes als Orakel weit mehr nutzen, als beispielsweise der Verweis auf eine Schrift zum slawischen Gräberfeld des 7. und 8. Jahrhunderts. Und damit sind erst in zweiter Linie Spezialaufsätze, etwa zur Datierung einzelner Monumente, gemeint. Eine Ergänzung des Literaturverzeichnisses mit speziellen, weiterführenden Werken, etwa dem bereits erwähnten Buch Grubens (um beim Beispiel des Tempels zu bleiben), wäre gut gewesen - zumindest besser als der alleinige Verweis auf das Buch „Olympia und seine Bauten" von Alfred Mallwitz. Dies reicht definitiv nicht aus. Sinn sollte sich zukünftig mehr an anderen Beispielen der Beck'schen Reihe orientieren, etwa dem Literaturverzeichnis zu Berthold Rieses „Machu Picchu" oder (besonders gutes Beispiel) Dieter Hertels „Troja - Archäologie, Geschichte, Mythos".
Fazit: Wer einen kompakten Überblick zur Entwicklungsgeschichte Olympias zu Rate ziehen will liegt mit diesem Bändchen richtig. Alle Phasen der Geschichte und Entwicklung sind angesprochen und nichts gravierendes wurde vergessen. Insofern ist es als Einstieg in diese Materie ideal. Für über die Entwicklungsgeschichte herausreichende Aspekte empfehle ich jedoch eher einen guten Reise- oder Museumsführer, da deren Informationsgehalt sicherlich deutlich über dem dieses Werkes liegen dürfte. Personen mit diesem Anliegen rate ich daher dringend vom Kauf des Bandes ab - dafür bietet er zu wenig. Meines Erachtens insgesamt ein im Vergleich zu Sinns sonstigen Publikationen deutlich schwächeres Werk, daß leider ebenso zu den schwächeren Werken der ansonsten sehr guten Beck'schen Reihe zu zählen ist. Schade.