Es ist bezeichnend, dass Pierre Boulez, der manchen Werken seines ehemaligen Lehrers Messiaen (besonders der zwiespältigen «Turangalîla-Sinfonie») schlechten Geschmack vorwirft, für die vorliegende Aufnahme Stücke ausgesucht hat, von denen jedes sich - auf seine Weise - durch stilistische Reinheit auszeichnet.
Am Beginn steht ein Frühwerk aus dem Jahre 1937, Messiaens einziger Gesangszyklus für Singstimme und Orchester, die «Poèmes pour Mi», die Messiaen seiner ersten Frau, Claire Delbos, in Liebe gewidmet hat. Wenn man sich der entrückten Grundstimmung dieses Werks, in dem die irdische Liebe auf eine religiöse Ebene transponiert wird und selbst noch eine sinnliche Umarmung (im 8. Satz «Le Collier») keusch und rein wirkt, überlässt und zugleich weiß, dass nur zwei Jahre nach Fertigstellung der Komposition Claires Gemüt sich zu verdüstern begann, hört man die Musik mit anderen Ohren. Messiaens Ehefrau musste die letzten Lebensjahre (bis 1959) in einem Pflegeheim verbringen. Die musikalisch beschworene Erfüllung war der irdischen Liebe versagt geblieben. - Das Werk ist ganz eindeutig Debussy und seiner Oper «Pelléas et Mélisande» verpflichtet, besonders im unablässigen Psalmodieren der Singstimme (hochdramatischer Sopran), das gelegentlich doch etwas einförmig wirkt. Immerhin finden sich im vierten Satz eine eindrückliche Beschwörung des Entsetzens vor der Hölle (den Abgründen irdischer Liebe?) und im siebten eine rührende Imagination gemeinsamer spiritueller Kriegerschaft. Einige zarte, fast süßliche Stellen weisen voraus auf die «Turangalîla-Sinfonie». Francoise Pollet ist die ideale Interpretin des Gesangsparts (in der Uraufführung sang übrigens eine Wagnerheroine!).
In eine ganz andere, naturhafte Welt entführt uns «Le Réveil des Oiseaux» aus dem Jahre 1953. Hier schöpft die Inspiration aus der Liebe des Komponisten zu den Vögeln und ihren Gesängen. Das einsätzige Werk verwendet in radikaler Selbstbeschränkung ausschließlich authentische in Messiaens französischer Heimat aufgezeichnete Vogelstimmen und deren Rhythmen, verzichtet auf jegliche sonstige formale Organisation und bildet lediglich die zeitliche Dramaturgie eines Frühlingstags von der ersten Morgendämmerung bis zur Stille des Mittags ab. Ein gewagtes Unterfangen: Wird es dem Hörer nicht langweilig werden? Nein, denn die diversen Klangereignisse überraschen mit ihrem Wechsel von Farben und Besetzungen (solistisch bis Tutti) und wirken keineswegs zufällig, sondern überaus «natürlich». Boulez hat in einem Aufsatz darauf hingewiesen, dass Messiaens Notation der Vogelstimmen, die eingestandenermaßen wegen der temperierten Stimmung der Tonleiter unvollkommen ist, doch gerade dadurch das ihnen innewohnende Zwielicht von Klang und Geräusch" beseitigt habe. Die Vögel singen also in idealer Reinheit! Als der Rezensent dieses Werk vor 30 Jahren für sich entdeckte, hörte er es am liebsten im Vorfrühling als Einstimmung auf den bald zu erwartenden realen Vogelgesang... Stellt man nun die Frage, warum allem Purismus zum Trotz auch in diesem Werk dem Soloklavier ein tragende Rolle zukommt, so liegt das natürlich an der Person von Yvonne Loriod, der begnadeten Pianistin, die als Muse (und Geliebte) in vielen Werken Messiaens herumgeistert. Der Pianist der Aufnahme, Pierre-Laurent Aimard, ein Schüler von Madame Loriod, hat in einem Interview den ganz einfachen Grund verraten, warum Messiaen ab ca. 1940 so außerordentlich viel für Klavier geschrieben hat: So konnte er nämlich seiner damals nur platonischen (?) Geliebten bei Proben und Aufführungen ständig nahe sein!
Auch das dritte Stück der CD, die «Sept Haikai», sieben japanische Skizzen für Klavier, Kammerorchester und Schlagzeug, haben einen indirekten Bezug auf diese Künstlerliebe, sind sie doch 1962 entstanden als Frucht eines Japantrips, den das nunmehr offiziell verheiratete Paar als verspätete Hochzeitsreise unternahm. Zugleich handelt es sich hier um ein einzigartiges Dokument der liebevollen Anverwandlung einer fernen östlichen Kultur und Landschaft. Die rituelle Feierlichkeit und Strenge der höfischen Musik Japans wird außergewöhnlich kunstvoll den Messiaenschen Klangfarben und Rhythmen gegenübergestellt. Die an den originalen Schauplätzen notierten japanischen Vogelstimmen wirken dabei gleichsam als Vermittler. Sieben symmetrisch angeordnete Sätze (die beiden äußeren sind exakte Spiegelbilder voneinander) gipfeln in dem Mittelsatz, einem Geniestreich ohnegleichen, wo die uralte zeremonielle Musik des «Gagaku» mit höchst einfallsreicher Transkription der authentischen Instrumente (z.B. einer dissonanten Mundorgel) beschworen wird. Ein auch in seinem beseelten Atem herausragendes Kunststück, das zu den Höhepunkten Messiaenscher Musik zu zählen ist. Pierre Boulez, der seinerzeit die Uraufführung dirigierte, hat mit den wiederum bestens aufgelegten Clevelands seine eigene Referenzeinspielung mit dem legendären Orchester des «Domaine Musical» abgelöst. - Die vorliegenden Aufnahmen sind unbestrittene Glanzpunkte der kürzlich erschienenen Messiaen-Gesamtedition der DG!