In der Zeit der Fantasy- und Animationsfilme kommt Roman Polanskis "Oliver Twist" daher wie ein Relikt aus vergangener Zeit. Es gab eine Zeit, da man den Studiofilm verachtete und Polanski beweist uns nun, dass diese Form von Kino überleben wird, weil es die Wirklichkeit herstellt ohne fragmentarisch zu wirken. Der Film ist ganz klassisch im Studio entstanden, mit echten Kostümen und Statisten, ohne Horizont und ohne weite Perspektive, ohne Himmel ist das frühindustrielle London von 1850 detailgetreu rekonstruiert worden, mit engen Gassen, Pferdefuhrwerken, Gaslaternen, Marktständen, Bettlern, Abflussrohren etc.
Zum Plot: England, Mitte des 19. Jahrhunderts, ein kleiner neunjähriger Junge und ein stattlich Uniformierter sind in der Stadt unterwegs Richtung Armenhaus. So wächst der junge Oliver Twist (Barney Clark) zunächst im Waisenhaus in ärmlichsten Verhältnissen auf, wo er, wie alle anderen Kinder auch, hart arbeiten muss. Als er den Mut hat beim dürftigen Abendessen um Nachschlag zu bitten, wird er an einen Leichenbestatter
"vermietet". Der Totengräber nimmt das Waisenkind als Lehrling auf. Als er dort unmenschlich behandelt wird, flieht er nach London. Doch hier, in der großen Stadt mit ihren grenzenlosen und labyrinthischen Straßen und Gassen, findet er kein Glück. Je tiefer er in die Stadt eindringt, umso mehr verfängt er sich im Netz des berüchtigten, kauzigen und geldgierigen Bandenchefs und Hehlers Fagin (Ben Kingsley) und dessen skrupellosen Gauner Bill Sykes (Jamie Foreman). Beide halten sich elternlose Jungs als Taschendiebe und Arbeitssklaven. Auch Oliver soll als Taschendieb ausgebildet werden. Er träumt aber immer noch von einem richtigen Zuhause, von einer richtigen Familie, Geborgenheit und Liebe. Er findet eine Beziehung zu dem reichen Gentleman Brownlow. Doch bevor für ihn ein besseres Leben anbricht, muss er noch manch spannendes Abenteuer bestehen.
Dickens Roman war, als er im Jahre 1838 erschien, nicht nur ein Protest gegen die Welt, gegen die Zerstörung der Kindheit, sondern auch eine Kampfschrift gegen das neue britische Armengesetz. Der Regisseur hat den Roman von Dickens sicherlich auch adaptiert, um eine Kindergeschichte von Armut, Elend, Schutzlosigkeit,
Einsamkeit und Leben in mittelalterlichen Verhältnissen zu schildern, wie er sie in seiner eigenen Kindheit im besetzten Polen erlebt hat.
Dickens ist sehr ironisch, melodramatisch hat eine Menge Humor und die Beschreibung seiner Figuren ist reiner Naturalismus. In Fagin hat Dickens eine antisemitische Karikatur gezeichnet, die an Shakespeares Shylock erinnert. Doch Polenski hat diesem goldgierigen Juden menschliche Züge verliehen. Fagin gibt Oliver Unterkunft, Essen und eine warme Liegestatt, erscheint also nicht als reiner Bösewicht. Es rührt zutiefst, als dieser durch Selbstekel und Gewissensqualen leidende Fagin, eine der erschütterndsten Figuren aller Dickens Verfilmungen,
vor seiner Hinrichtung im Zuchthaus den kleinen Oliver empfängt, der zu ihm sagt:"Du warst so gut zu mir."
Großartiges Kino, anrührend, Bildgewaltig ein wahres, in jeder Hinsicht stimmiges Meisterwerk von Roman Polanski. Oscar-Preisträger Ben Kingsley und der Newcomer Barney Clark überzeugen als "traumhaftes Gespann."