Dieses in den letzten Jahren sehr kontrovers diskutierte und inzwischen sechs Jahre alte Buch fiel mir vor ein paar Wochen in der öffentlichen Bibliothek in die Hände. Die Meinungen reichten weit auseinander, von "Hofberichterstattung" war hier zu lesen (auch auf diversen Webseiten ungeprüft zitiert, also eher in die Kategorie "Hörensagen" einzuordnen), auch davon, dass Rabinovich laut "Wiesbadener Kurier" vom inzwischen verstorbenen damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland aufgefordert worden sei "seinen Namen zu säubern, sonst sei er nicht würdig, die jüdische Gemeinde in der Ukraine zu vertreten. Rabinovich ist deren Vorsitzender." Zugleich sei Roth vor Veröffentlichung des Manuskripts über einen österreichischen Beamten in Wien von russisch-ukrainischer Seite kontaktiert worden, mit dem Ziel, ihm massive Bestechungsgelder anzubieten, damit er von der Veröffentlichung absehen solle.
Aufschlussreich ist meiner Meinung nach ein auf Roths eigener Website einsehbares Interview des bayrischen Rundfunks mit Roth zum Buch "Der Oligarch": Hier fragt der Journalist Michael Böttcher: "Es gab und es gibt viele Anschuldigungen gegen diese Oligarchen, vieles davon wurde auch wieder fallengelassen von den Gerichten. Steckt da auch ein Eigeninteresse vom Westen dahinter?" Und Roth antwortet so: "Gucken Sie, die Oligarchen verfügen heute über die Schlüsselindustrie in den postkommunistischen Ländern, über die wichtigen Industrien, auf die der Westen angewiesen ist, Energie beispielsweise, Telekommunikation, wo es gute Geschäfte zu machen gibt, und von daher besteht aus wirtschaftspolitischen Interessen kein Grund jetzt die Oligarchen zu verdammen."
Natürlich bekommt Rabinovich mit seinen Aussagen einigen Raum in diesem Buch. Das ist ja wohl auch selbstverständlich, lautet doch der Untertitel nicht zufällig "Vadim Rabinovich bricht sein Schweigen". Und damit ist nicht zu viel versprochen, berichtet Rabinovich doch nicht nur aus seinen unternehmerischen Anfängen und daraus resultierenden Gefängnis- und Lageraufenthalten zu Sowjetzeiten sondern sehr detailliert und mit Nennung etlicher aktueller Namen aus der Szene der neuen Oberschicht in der russisch-ukrainischen Szene. Roth macht meiner Meinung nach nicht den Eindruck, dass er sich als Sprachrohr Rabinovichs benutzen lässt. Eher wirkt es auf mich so, dass er natürlich beeindruckt von der wirtschaftlichen Macht und vitalen Kraft Rabinovichs ist, dabei aber stets kritische Distanz wahrt und sich auch mit Nachfragen nicht zurückhält, von denen Rabinovich auch etliche beantwortet.
Was aus meiner Sicht interessant sein dürfte, ist die Tatsache, dass wir hier im Westen über die Medien immer noch mit den Märchen vom korrupten Osten und dem seriösen Westen versorgt werden, so dass es eben unbequem ist anzuerkennen, dass - wie Rabinovich es westlichen Regierungen und Unternehmern mehrfach vorwirft - gerade von hier aus geht, dass Gelder in unsaubere Kanäle wandern. Rabinovich fordert z.B. Investitionen des Westens in eine freie Presse ... nur wo gibt es die denn überhaupt noch? Im Westen geht doch auch vieles in Richtung Einschränkung der Pressefreiheit unter dem Deckmantel der "Terrorismusbekämpfung".
Roths weitere Arbeit der letzten Jahre zeigt ja auch thematisch mehr und mehr in Richtung Inland. Welche Ausmaße die Korruption hierzulande mittlerweile angenommen hat, wird in "Der Oligarch" nur angedeutet (der unter der Kohladministration stattgefundene Elf-Aquitaine-Skandal wird als Beispiel zitiert), in Roths neueren Werken wie "Ermitteln Verboten!", "Der Deutschland Clan" oder auch "Anklage unerwünscht!" aber vertieft.
Fazit: Ein wichtiges investigatives Buch, das aus einer im Westen ungewöhnlichen Perspektive auch mal den Blick auf Verstrickungen westlicher "demokratischer" Regierungen und der sie kontrollierenden Unternehmer in die Abläufe in den ehemaligen GUS-Staaten richtet. Dabei wird außerdem deutlich, dass vieles, was in westlichen Medien über östliche Unternehmer berichtet wird, genauso tendenziös ist, wie es umgekehrt in den Ostmedien über den Westen dargestellt wird. Insofern ist Rabinovichs Idee, nichts, das irgendwo in irgendeiner Zeitung über irgendwen geschrieben wird, zu glauben, vielleicht ein durchaus angemessener Standpunkt. Es bleibt eben immer - auch bei diesem Buch - die alte Frage: "Qui bono? - Wem nützt es?"