Dea Loher schafft das (fast) unm¨gliche: Ihre Theatert¾cke entstehen beim Lesen "im Kopf". Wer sich in ihren knappen, genauen, exakten und vor allem doch immer poetischen Sprach-Kosmos begibt und sich auf die Geschichten ihrer St¾cke einl¦§t, schaut in eine andere Welt. Wer Vorbehalte vor dem Lesen von Theaterst¾cken hat, wird hier eines besseren belehrt: Die Buchfassung der St¾cke von Dea Loher macht, im Gegenteil, endlich wieder Lust auf Theater, das dabei keineswegs eine verstaubten, anged¨rrten, ¨den, lanatmige Figur macht sondern aufregend, lebendig, spannend und vor allem emotional daherkommt. Dabei ist es vom Pathos so vieler Theaterautoren und M¨chtegern-Schillers so weit entfernt wie - man m¨chte es bei den Themen Judenverfolgung, Inzest und Terroismus kau m glauben - von (falsch verstandener und gemeinter) brechtscher Belehrung so vieler "moderner", eigentlich nur sozialp¦dagogischer Theaterans¦tze. "Olgas Raum": Da wird in ganz wenigen Szenen, knappen Momenten und ebenso knappen Texten ein ganzes Leben in all seinem Facettenreichtum lebendig - und wie "nebenbei" (ohne das abwertend zu meinen) eine (!) grausame Geschichte des Antisemitismus erz¦hlt. "T¦towierung": Diese Familientrag¨die (wer schreibt / liest /inszeniert / sieht heute ¾berhaupt noch Trag¨dien?) schildert wiederum ein sehr komplexes Thema. Der Inzest in dieser Familie aber bedeutet nicht nur klischeehaft b¨sen Mi§brauch, sondern es wird auch die dramatische Gefahr deutlich, die im falschen Verst¦ndnis von Liebe, famili¦rer N¦he,, der fatalen Glorifizierung des Heiligtums "Familie" als Nonplusultra des menschlichen Zusammenlebens liegt. Nur so kann aus dem perversen Mi§brauch der Tochter Anita durch ihren Vater Ofen-Wolf auch noch eine hochkomplexe und -komplizierte Geschichte von Eifersucht (der Schwester Lulu und Anitas Freund Flower-Paul, eine wundervolle, positive, gl¾ckbringen (?) Theaterrolle ¾brigens!) und Unterw¾rfigkeit (aller Familienmitglieder, besonders aber der Mutter Hunde-Jule) werden kann. In "Levithan" schlie§lich wird in wenigen, kurzen Szenen die gesamte Geschichte des RAF-Terrorismus - von seinen Motivationen bis zu seinem Scheitern - erz¦hlt. Auch dies aus einer sehr pers¨nlichen (fiktiven, doch sehr nachvollziehbaren), emotionalen und zutiefst menschlichen Perspektive. Ohne die "T¦ter" zu entschuldigen oder sozialp¦dagogisch zu "erkl¦ren" schafft es die Autorin Dea Loher, dem Leser klar und zugleich intelligent verwirrend vor Augen zu f¾hren: "Das B¨se" ist nicht so einfach zu fassen und zu verurteilen, das "B¨se", so banal das klingt, ist letztlich in jedem von uns als Potential vorhanden. Wie gesagt: Auf jeden Fall lesenswert, hat die Autoren diese Themen, Konstellationen und Biografien in zwingende Sprachkunstwerke und poetisch-kraftvolle Bilder gebracht. Warum ist eigentlich noch niemand darauf gekommen, die Texte von Dea Loher zu verfilmen? Das g¦be wunderbare "Kleine Fernsehspiele"!