Aus der Amazon.de Redaktion
Spätestens seit Joint Security Area (2000) ist Chan-Wook Park in seinem Heimatland Südkorea eine Berühmtheit. Der gigantische Erfolg des Films, auch und gerade an der Kinokasse, kam einer Carte Blanche gleich, die der Regisseur wohlbedacht ausspielte. Schon sein darauffolgender Film, Sympathy for Mr. Vengeance, verstörte mit Bildern kaum zu überbietender Grausamkeiten und überraschte durch eine ungemein ökonomisch voranschreitende Rächergeschichte. Auch der in Cannes 2004 mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnete Old Boy führt den Zuschauer an der Seite seines Helden durch die Hölle, eine schwer zu ertragende Tour de Force, nichts für Zartbesaitete und dennoch, oder vielleicht gerade deshalb eine Offenbarung.
Der koreanische Geschäftsmann und Familienvater Dae-su (Min-sik Choi) wird von einem Unbekannten, scheinbar grundlos, in ein fensterloses Zimmer gesperrt. Einzige Verbindung zur Außenwelt ist ein Fernseher, über den Dae-Su den Mord an seiner Frau und das Verschwinden seiner Tochter miterlebt. 15 Jahre vergehen, bis der Bedauernswerte auf einem Hochhausdach aus seiner Gefangenschaft erwacht. Ein schier unvorstellbares Martyrium, das jedoch nur den Anfang für einen zynisch-bitteren Rachefeldzug beschreibt.
Es gibt Bilder in Old Boy, die man sein Leben lang schwer vergessen wird. Etwa die Fangarme des sich windenden Tintenfischs den Dae-Su kurz nach seiner Freilassung lebend verschlingt, die sich im Todeskampf an dessen Mund- und Nasenhöhlen klammern und die in ihrem Bestreben recht anschaulich die Qualität des Films beschreiben; dessen stoische Unnachgiebigkeit, die wilde Inszenierungswut, den Willen aufs Ganze zu gehen, auf Leben und Tod. Old Boy ist alles andere als Unterhaltungskino, kein Eskapismus, kein zuckersüßes Happy-End. Im Gegenteil: der Film ist eine Zumutung, im positiven Sinn, beinahe eine Vergewaltigung insofern er dem Betrachter die Auseinandersetzung mit dem Gesehenen aufzwingt. Man kann den Film als Allegorie sehen, auf eine Gesellschaft, der kaum Zeit blieb sich zu entwickeln, die unversehens im Turbokapitalismus gelandet ist, ohne wirklich zu wissen wie ihr geschah. Unter dem Strich, hinter der Fassade der coolen Bilder, hinter der atemberaubenden Beschleunigung um den Kern der Geschichte, bleibt eine verstörende Wahrheit, die sich über die Figuren auf ihren Ausgangspunkt zurückführen läßt und deren Banalität darin besteht, was Menschen bereit sind einander zuzufügen. Thomas Reuthebuch>
Movieman.de
Moviemans Kommentar zur DVD: Nur ganz selten lässt sich noch kaum wahrnehmbares Rauschen in dunklen Räumen finden, ansonsten überzeugt das Bild in jeder Hinsicht. Akustisch könnte der Hintergrund etwas deftiger angespielt werden, denn die Front zeigt prinzipiell einen schönen Umgang mit Kulisse und Effekten. Das Original ist in dieser Hinsicht vor allem sprachlich vorzuziehen. Extras bleiben zu vermissen.
Bild: Selbst in dunklen Einstellungen beweist die Disc eine enorme Bandbreite an Farbtönen und Kontrastabstufungen (schwarzes Hemd unter schwarzem Jackett vor schwarzem Hintergrund, 00:34:41). Auch in schnelleren Kamerabewegungen zeigt das Bild nur sehr selten leichtes Ruckeln (Schwenk, 00:22:25). Überhaupt bleibt kaum etwas zu bemängeln. Das warme Farbspektrum vernachlässigt praktisch keine einzige Note und die Schärfedarstellung lässt nicht zu, dass auch nur ein winziges Härchen oder Steinchen weniger Präsenz zugemessen wird als dem Gesamtbild (Scherben, 00:10:10 oder Bartstoppeln, 00:22:05). Äußerst selten lässt sich in einem dunklen Zimmer ein leichtes Rauschen antreffen, das aber keinesfalls Gesichter mit einbezieht, sondern sich nur ganz leise im Hintergrund aufhält (00:28:44).
Ton: Insgesamt fällt auf, dass sich das Gesamtklangbild doch recht stark in der Front aufhält. Zwar sind immer wieder deutliche Signale aus dem Hintergrund vernehmbar (Sirene links hinten, 00:22:33) und eigentlich geschieht dort auch permanent etwas, dies aber fällt alles ein wenig zu leise aus, als dass sich ein wirklich umfassender räumlicher Eindruck entwickeln könnte. Zwischen der Originalfassung in Koreanisch und der deutschen Version besteht in dieser Hinsicht kein Unterschied. Dennoch ist anzumerken, dass die Originalstimmen ein gutes Stück mehr Präsenz und Saftigkeit aufweisen als die Synchronsignale. Durch Richtungswechsel kommt das spielerische Element des Tons zwar Aufmerksamkeit (Hupen des Autos von links nach rechts über die Front, 00:22:16), es wird aber nicht so stark ausgespielt, wie möglich und prinzipiell auch wünschenswert wäre. Immerhin mischt sich der Soundtrack stets kraftvoll und spannungsgeladen ein. Auch dieser fällt im Original potenter aus (Schreie und Streicher beim Zähneziehen, 00:41:46).
Extras: Leider beinhaltet die DVD außer ein paar Programmtipps keinerlei Extras. --movieman.de
VideoMarkt
Video.de
Blickpunkt: Film
'Old Boy' basiert auf einem japanischen Comic, mit dessen Story der koreanische Filmemacher Park Chan-wook nach seinem letzten Film 'Sympathy for Mr. Vengeance' eine weitere Variante seines Lieblingsthemas liefert. Hier geht es jedoch nicht vordergründig um die Ausübung der Rache, sondern um die Suche eines Mannes nach den Motiven und den Verursachern seiner Pein, die nach Wiedergutmachung verlangt. Dabei ist 'Old Boy' stilistisch so kühl, präzise und kompromisslos wie in seinen Gewaltmomenten, zugleich jedoch mit seinem klassischen Score und der Tragik seiner Figuren so berührend wie die Melancholie und Verzweiflung in den Augen von Hauptdarsteller Choe Min-shik ('Chihwaeson').
Der Charakter von Choe Min-shik Oh Dae-Su ist das Ergebnis seiner Umwelt: Krieg und Politik wie in 'Joint Security Area', körperliche Behinderungen und Arbeitslosigkeit wie in 'Sympathy for Mr. Vengeance' sind das, was die Figuren in den Filmen von Park Chan-wook formt, der gewöhnliche Menschen mit gewöhnlichen Problemen in Ausnahmesituationen stürzt und sie dort nicht zu Superhelden werden, sondern in einem zunehmend surrealen Szenario gegen inneren Dämonen kämpfen lässt. 'Old Boy' macht da keine Ausnahme.
Nach 15 Jahren in seiner Zelle, in der er die Nachricht vom Tod seiner Frau den Fernsehnachrichten entnehmen musste, von Halluzinationen, Schmerz, gescheiterten Ausbruchsversuchen und seinen eigenen Gedanken in den Wahnsinn getrieben, kennt Oh Dae-su nur das eine Ziel, die Person zu töten, die ihm den denkbar größten Schmerz zugefügt hat - und vor den einzigen zwei Fragen, die jetzt noch Bedeutung haben können: Wer? Und Warum?
Im Lauf dieser Zeit, die Park in einer beklemmenden Collage mit kafkaesker Stimmung und Momenten aus der Zelle des Gefangenen zusammen schneidet, bereitet sich Oh Dae-su geistig via TV und physisch - Schattenboxen - auf das vor, was ihn später erwarten soll. Er entwickelt eine mentale und körperliche Stärke, die er selbst nicht für möglich gehalten hätte. Das eigentliche Spiel beginnt, als ihm zurück in der Freiheit fünf Tage gegeben werden, das Geheimnis seiner Peiniger aufzudecken, bevor anderenfalls jede Frau getötet wird, die Oh je geliebt hat - einschließlich Kellnerin Mido, der er am Tag seiner Freilassung begegnet.
Oh Dae-sus Voice-Over-Monolog begleitet jeden seiner Schritte und lässt den Zuschauer an seinen spitzfindigen Gedanken teilhaben, eine bedingungslose Sympathie für ihn entwickeln. Ob er einen lebendigen Tintenfisch verspeist, sich in Rage steigert oder mit Impotenz zu kämpfen hat - Choe Min-shiks Darstellung ist eine furiose One-Man-Show von einer Intensität, die auf westliche Zuschauer bisweilen etwas over the top wirken mag, für koreanische Verhältnisse jedoch normal ist.
Während Min-shik das Herz des Films darstellt, sind Inszenierung, Kamera und Story dessen Muskeln, die eine Kraft haben, der sich der Zuschauer nicht entziehen kann. Park gelingen durchweg Szenen voll roher Gewalt, Emotionen und Schmerz. Wenn Oh Dae-su einem Gangster die Zähne mit einem Hammer ausschlägt, sieht Park erbarmungslos hin - und dies ist nur der Anfang seines Höllentrips, einem Schachspiel, das von einem Mann gesteuert wird, den Oh nicht kennt, der ihn jedoch einen Film lang nach seiner Identität dürsten und mit seinem Hunger nach Vergeltung Ereignisse wie Dominosteine in Gang setzen lässt. Viel mehr als an die um ihrer selbst Willen verrätselte Inszenierung eines David Lynch werden hier Parallelen zu David Fincher ersichtlich, zu einem koreanischen 'The Game', das in seiner Präzision und Härte ins Mark trifft und gleichzeitig emotional zutiefst berührt, wie es derzeit vermutlich nur dem asiatischen Kino - oder Quentin Tarantino - gelingen mag. Das US-Remake befindet sich bereits in Arbeit. cm.