Der erste Teil der zweibändigen Reiseerzählung "Old Surehand" enthält vordergründig den in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts spielenden Versuch der Komantschen, eine verborgene Oase im Llano Estacado im Grenzgebiet zwischen Texas und Neu Mexico zu überfallen, dessen Besitzer Bloody Fox zu eliminieren und weitere Reisende durch fälschlich gesteckte Orientierungspfähle in die wasserlose Irre zu führen, um sie desto sicherer auszurauben. Old Surehand, Old Shatterhand, Winnetou und hinreichend Apatschen eilen herbei, und besiegen die Komantschen ohne eigene Verluste. Dies Abenteuer wird in der üblich schönen Spannung serviert, die Karl-May-Freunde schätzen.
Hintergründig aber wird die Figur des Old Surehand eigentlich nur - typisch für den Erzähler Karl May! - für ein älteres Verbrechen gebraucht, das als Schuldschatten in die erzählte Gegenwart hineinragt. Dieser Old Surehand ist unwissend der Bruder des Apanatschka, eines unwissentlich unechten Komantschen, und Beide sind die Neffen der umnachteten Tibo-Wete-Elen, die bezüglich der Verwandschaftsverhältnisse ebenso unwissend ist. Eine erste Findung der beiden Brüder ohne ganze Klärung ihrer Verwandtschaft und der Geschichte ihrer Trennung geschieht erst gegen Ende des ersten Teiles; die ganze Aufklärung bleibt für den zweiten Teil aufgespart.
Wer nur das Abenteuer liest, der verfolgt den spannenden ersten Teil gern und freut sich einfach auf den eben so spannenden zweiten. Aber wer auch mit Sinn für den Hintergund liest, der mag sich fragen, wozu dies Buch einen weiteren Westernhelden vorstellt, der eigentlich nur als Gegenstand eines Verbrechens dient und ansonsten nur ein schemenhafter Nebenmensch neben Old Shatterhand und Winnetou ist? Das Komantschen-Abenteuer des ersten Teiles wäre auch ohne diese Figur ausgekommen. Ähnliches gilt für die Figur des Old Wabble. Dieser wird als über neunzigjähriger Greis vorgestellt, der aber herumreitet, spricht und handelt wie ein junger, unreifer und unwürdiger Ichling, der Indianer hasst, Neger verachtet und Priester nicht aussteht. Als Figur ist er für die Rahmenhandlung letztlich ohne Belang, würzt aber den moralischen Hintergrund durch seine gottlose Haltung. Wie immer ist Karl May im Hintergrunde daran gelegen, seine formal christliche Botschaft zu vermitteln. Aber ist es nun wirklich so christlich, einem Menschen zu zeigen, dass er als versehentlich jemanden erschossen habender Mensch doch kein Mörder sei? Das könnte auch ein atheistischer Staatsanwalt so darlegen. Und ist es wirklich so christlich, immer wieder Bücher zu schreiben, die ein wenn auch spannendes Lied des Kampfes um das Dasein singen, in dem keine Erlösung aus der Schuld geboten wird? Immer wieder kämpft Karl alias Charley gegen die Positionen des gottlosen Verbrechens, dessen die Welt voll ist, aber stets versucht er als kämpfender Held das von ihm als das Böse Erachtete durch Kampf oder kämpfende List zu überwinden. "Wehret dem Bösen nicht" heißt es in der Evangeliumsschrift nach Matthäus. Man mag dies als weltfremd empfinden und es wie auch das ganze Christentum ablehnen. Aber muss man als bekennender Christ auftreten, diese Haltung im Banner führen und dennoch mit zwei Gewehren seinen "bösen" Gegnern stolz Paroli bieten und dies als "Christentum" darstellen?
Erst in seiner vierten Schaffensphase ließ Karl May seine Flinten zuhause und reiste nicht mehr als Old Shatterhand, sondern erheblich bescheidener. Und dennoch erachte ich es als Verdienst Mays, dass er den literarischen Finger in die Wunde des Menschen legt, der in seiner weltlich ausgelebten Abenteuerlust ohne geistlichen Trost keine Unschuld finden kann. Die Lust an der Welt und ihren siegreichen Kämpfen und Abenteuern einerseits und die Vergebung anderseits sind nicht miteinander zu vereinbaren. Immerhin stellt May den Gebrauch seiner Gewehre stets in Frage und plädiert für Versöhnung statt für Krieg. In "Old Surehand" allerdings entdeckt er erstaunlicher Weise als sonderbare Zwischenlösung seine besondere Zuneigung zur Prügelstrafe; eine als witzig dargestellte Irrung eines entnervten Privatpädagogen mehr. Bei aller Spannung und trotz der "sicheren Hand" des blassen Titelhelden bleibt des Lesers Reise mit Charley alias Old Shatterhand ohne sicheres Geleit, wenn er allein dessen Worten traut. Mays 'Wahrheit' etwa ist immer nur Teil der ungeprüften Umgangssprache und -denke, nennt also zumeist nur eine "Tatsache" oder eine "Ungelogenheit"; den Christus als höhere Wahrheit, in der Schuld und Tod unmöglich sind, erschloss dieser bekennende Christ nicht.