Wer nur die beiden ersten Alben "Ich-Maschine" und "L'etat et moi" kennt, der wird bemerken, dass Blumfeld mit "Old Nobody" ein nunmehr völlig neues Terrain betreten haben,( und auf dem Weg zu ihrem neuesten Album "Jenseits von Jedem" erfolgreich perfektionierten), nämlich astreinen Pop. Als ich dieses schon nicht mehr ganz neue Album vor ca. 3 Jahren zum ersten Mal hörte, war ich sehr angenehm überrascht. Das erfrischende und sympathische ist, dass sich Blumfeld zutrauen, Dinge auf Deutsch zu singen, die so manch anderer Interpret nur auf Englisch zu singen wagen würde. Daher auch die von mir noch nicht selten gehörte Bemerkung Blumfeld seien "kitschig und schwul". Gut, die Texte haben zum Teil einen stereotypen Touch, und wenn man sich das Cover anschaut, dann wird man alles andere als die strotzende Virilität entdecken, sondern vier verschmitzt grinsende Milchgesichter. Wie dem auch sei, die Texte sind brilliant. Gerade durch ihre Einfachheit und vermeintlichen Kitsch bestechen sie und haben ein sehr hohes Identifikationspotential, ohne jedoch nie auch nur annähernd abgedroschen oder "schlagermäßig" zu klingen. Es wird sicher nicht nur mir so gehen: Bei "Ein Lied von zwei Menschen" geht einem das Herz auf und man wünscht sich man sei verliebt . Doch es soll trotzdem nicht das Bild vermittelt werden, Blumfeld hätten nichts von ihrem Wurzeln beibehalten. Ein Teil der Texte sind immer noch kryptisch und lassen allerhand Spielraum für Interpretationen. So weist der erste Track, ein von Jochen Diselmeyer völlig ohne musikalische Untermalung vorgetragenes Gedicht, eine textliche Komplexität auf, die eine Ahnung, um was es da eigentlich geht, erst nach mehrerem Hören entstehen lässt. Bemerkenswert sind hier auch die zahlreichen Andeutungen: Distelmeyer scheut sich nicht, die verschiedensten Zitate aus den verschiedensten literarischen Genres einfließen zu lassen. Der Titeltrack "Old Nobody" beispielsweise ist gewissermaßen eine Paraphrase des Gedichtes "Nur zwei Dinge" von Gottfried Benn. Man sieht, dass ein vollständiges Verständnis von Blumfeld ohne eine gründliche literarische Vorbildung nicht möglich ist. Aber muss man denn immer alles verstehen? Es kommt doch bei Kunst nicht darauf an, dass man sie genauso versteht wie der Künstler sie gemeint hat, sondern man soll sie vielmehr auf sein eigenes Leben übertragen. Old Nobody ist ein sehr schönes Album zum träumen, schwelgen, nachdenken und trösten...