Vom ersten Hören an begeistert zu sein, das ist bei Cohens jüngeren Werken nicht so selbstverständlich: Das Album "Ten New Songs" und dessen Nachfolger "Dear Heather" zündeten nicht nur in meinen Ohren erst, nachdem ich mir die Arrangements weggedacht und die Texte im Geiste in den Vordergrund gerückt hatte. Die Liveumsetzung der 2010er-Tour gefiel mir dafür um so besser, auch wenn vieles etwas aufgebläht wirkte und die Brillanz der Mitmusiker teils den Songcharakter fast durchschnitt.
Erstaunt, verwundert und begeistert lässt mich dagegen "Going Home" mit offenem Mund dastehen. Der erste Titel des neuen Albums, welches am Freitag erscheinen wird, haut schlichtweg um. Die "golden voice" beginnt mit dem Satz "I'd love to speak with Leonard, he's a sportsman and a shepard, he's a lazy bastard living in a suit." Und sofort ist klar: das sind zwar alte Ideen, aber das könnte ein wunderbares Album werden. Ein ruhiges Spätwerk ist ja nicht verwerflich, wenn das Frühwerk bereits ruhig war.
Der zweite Track "Amen" ist ähnlich unspektakulär arrangiert, hier gefallen die "Huuuhuuuu"-Chöre der Backgroundsängerinnen sehr gut und das leise "Twang" im Hintergrund, die Orgel und das schleppende Besenschlagzeug erinnern mich an die Arrangements der letzten Tour, wo in den besten Momenten zwar alle Musiker spielten, der Gesamteindruck aber ein entspannter, ruhiger, lässiger war.
In "Show Me The Place" klingt Cohen dann fast wie Tom Waits in dessen frühen Jahren: ein Klavier, Streicher, seine Stimme raunt sich durch eine unspektakuläre, aber berührende Gesangsmelodie. Fast eine Klavierballade, dann kommt aber eine Hammondorgel hinzu und rundet ab, was in seiner Atmosphäre fast besinnlich wird.
"Darkness" geht dann fast schon ab, das Schlagzeug ist präsenter, die Hammondorgel orgelt vor sich hin, Gitarre und Bass erklingen, ein Saxophon schafft es, zum Song beizutragen, statt sich in den Vordergrund zu drängen. Ein künftiger Cohen-Klassiker, da bin ich mir sicher.
Der nächste Titel, "Anyhow", beinhaltet ein wundervolles Klaviersolo; ansonsten ist es schwer, bei solch berührender Musik einzelne Stücke zu beschreiben. Es ist Leonard Cohen, es ist die Essenz aus allem, was er jemals gemacht hat ' in jedem der Stücke dieser Platte!
"Crazy to Love": ja! Cohen mit Gitarre, ohne den Rest. Hervorragend! Allein auf Grund des Arrangements ist dies der beste Titel der Platte. Er hätte auf "Songs of Leonard Cohen" erscheinen können, oder auf "Songs from a Room". Nur: was Cohen singt, hat viel mit der klischeehaften "Altersweisheit" zu tun, die man dem buddhistischen Mönch anmerkt. Mit diesem Stück hat Cohen bewiesen, dass sein altes Konzept, der Poet mit der Gitarre, immer noch funktioniert, sofern man beides, Poesie und Gitarrenspiel, verschmelzen lassen kann und simpel, aber wirkungsvoll hält.
Natürlich dürfen danach die Sängerinnen wieder ran, "Come Healing" ist eine weitere Ballade im moderneren Cohen-Stil, allerdings röhrt seine Stimme hier eben noch ein Stück dunkler, als gewohnt!
"Banjo" klingt nach Country, gefällt aber auch durch den Backgroundgesang, der an Nashville erinnert, aber das Gute darin herausholt.
Das folgende "Lullaby" ist genau das: ein angenehmes Gutenachtlied, mit Gitarrenklimpern und Orgelflächen, mit "Huuuh"-Chören, mit "Sleep, Baby, Sleep" und einem Nachtgedicht. Das Schlagzeug klingt etwas zu elektronisch, aber Cohen hatte seit "First, we take Manhattan" eine Vorliebe für diesen Sound, man kann ihm nicht böse sein, vor allem wenn er mit einer solchen Leichtigkeit "Here's my Lullaby" singt!
"Different Sides" geht dann noch einmal in die Richtung von "Closing Time" und hat das typische 2010er-Tour-Arrangement abbekommen.
Warum ist ein Album mit so wenig Innovation so verdammt gut? Warum kann Cohen alles singen, solange er nur singt? Ich weiß es nicht. Es kann daran liegen, dass es Musiker und Poeten gibt, die berühren. Weil sie ernst meinen, was sie dem Publikum verkaufen. Weil sie zwar Teil der Musikindustrie sind, aber das Produkt nicht ihre Musik ist, sondern deren Vermarktung. Weil Leonard Cohen wirklich Altersweisheit nicht mit dem Löffel gefressen, sondern mit dem ganzen Sein erworben hat und nun mit uns teilt. Weil knapp 45 Minuten neue Stücke von Cohen ausreichen, um sich geborgen zu fühlen.
Weil dieses Album einfach verdammt gut ist!