Kein Zweifel: es gibt Autoren, die reifen von Buch zu Buch. Martin von Arndt ist so ein Autor. Nach ''Der Tod ist ein Postmann mit Hut'' dachte ich, er hätte vielleicht auch eingeschwenkt auf das mehr oder weniger wohlfeile Geschwätz und die Themen, die die jüngere deutsche Literatur eben so hat. Aber von Arnd will es sich offenbar nicht so leicht machen, wie man an diesem Buch gut erkennen kann.
''Oktoberplatz'' spielt in Weißrussland und Ungarn. Es ist ein Buch, das nach der ''rechten Art zu leben'' im 21. Jahrhundert sucht. Und dass am Ende eigentlich alle Figuren mit ihren Lebensentwürfen am Ende sind, ist wohl folgerichtig mit Dürrenmatt zu sehen, der einmal sinngemäß sagte: Eine Geschichte ist erst dann zu Ende, wenn sie die schlimmstmögliche Wendung genommen hat (ironisch lässt der Autor kurz das Gegenteil aufblitzen, die dämlichen Heile-Welt-Phantasien, die uns tagtäglich vom Bildschirm nis Wohhnzimer flimmern, wenn er einen linientreuen Kulturredakteur die Kulturleitlinie des Lukaschenko-Regimes zitieren lässt: ''Echte, unverfälschte Kultur braucht nunmal keine Tragödien!'')
Wassil, der Ich-Erzähler, wächst in der UdSSR auf. Sein Großvater, den Wassil abgöttisch liebt, floh einst als sozialistischer Kadermann aus dem von den Nazis besetzten Ungarn nach Grodno, einer Stadt im heutigen Weißrussland. In der Folge kümmert sich der Opa vor allem ums Saufen und Kindermachen, so dass Wassil mit zwei fast gleichaltrigen Tanten aufwächst. Die Freundschaft zwischen den Kindern wird von den Großeltern argwöhnisch verfolgt und Wassil wird vierzehnjährig in ein Internat nach Minsk abgeschoben. Dort lernt er die Brutalität des Ost-Internatswesens kennen. 1991 ist für Wassil ein Wendejahr: Belarus wird unabhängig, er schließt die Schule ab, die ungeliebten (aber durch die Perestrojka reich gewordenen) Eltern sterben, und so ist er frei, ein komplett neues Leben anzufangen. Er geht nach Ungarn, um zu studieren, ist aber vom Kapitalismus, der das Land im Klammergriff hält, so angewidert, dass er es vorzieht, lieber wieder zurückzukehren nach Weißrussland, wo inwzischen eine Diktatur herrscht. Wassil beginnt eine Affäre mit seiner ältesten Tante, die ihn nach und nach in den Ruin treibt, menschlich wie finanziell. Aber hier beginnt das Buch erst, so richtig Volten zu schlagen, denn je tiefer er in die politische und persönliche Frustration getrieben wird, desto mörderischer werden seine Absichten, sich von seinen Tanten zu befreien.
''Oktoberplatz'' ist ein tragisches und komisches, ein psychologisches und zugleich politisches Buch. Der Erzählstil ist 'amerikanisch': lebensnahe Charaktere, denen man glaubt, schon einmal persönlich begegnet zu sein, viele und dabei glänzend geschriebene Dialoge. Vielleicht ist es eine Art weißrussisches ''Hundert Jahre Einsamkeit''. Und der Autor eine echte Wundertüte, inhaltlich wie stilistisch. Wenn man's nicht anders wüsste, könnte man davon ausgehen, dass seine Romane nicht von ein- und demselben stammen, sondern von einem Autorenkollektiv. Der Nachteil: der Leser weiß nie, was ihn jetzt wieder erwartet. Der Vorteil: es wird nicht so schnell langweilig.
Bin gespannt, was als Nächstes kommt. Wirklich der Thriller, den er auf seiner Homepage ankündigt?