...mit dieser fiktiven Headline reagieren die Auslandsmedien im Roman OKTOBERFEST auf den auf die Wies'n verübten Terroranschlag. Mit Gas werden über 2.000 Menschen in einem der Zelte getötet. Einfach so, damit die Verantwortlichen in Politik und bei der Polizei wissen, daß die Terroristen es ernst meinen. Haben sie politische Hintergründe? Nein, sie sind nur auf den letzten großen Coup aus und wollen sich dann zur Ruhe setzen. Es geht nicht um Politik, es geht nicht um Religion. Es geht um skrupellose Menschen, denen längst jede Empathie abhanden gekommen ist und die als Spezialeinheit der früheren russischen Speznaz ohnehin mit dem professionellen Töten bestens vertraut sind. Die Überbleibsel der alten Sowjetunion, die erodierenden Strukturen in der Gesellschaft und die implodierenden Strukturen im Militär, die Desillusion vieler Russen über ihr Land und seine Zukunft, die korrupte Führung in Moskau - das alles bildet also gewissermaßen den Hintergrund, vor dem dieser Roman spielt.
Die Helden - auf der einen Seite General Blochin, auf der anderen Seite Wolf Härter vom dt. Geheimdienst - messen sich auf allen Ebenen, planerisch (nicht umsonst leiten Clausewitz-Zitate viele Kapitel ein), geistig, technisch und kämpferisch - und das bis zum Showdown. Aber es geht auch ums Private, um Familien, die einander entfremdet sind, um Katastrophen, die Familien auseinandergerissen haben - und um eine kleine Liebesgeschichte.
Der Roman ist ein äußerst spannendes Wettrennen: Um das Leben der in den Zelten festgesetzten Geiseln, um politische, militärische und sicherheitstechnische Entscheidungen, um die Macht. Scholder hat sehr schöne Archetypen erfunden - in seinen Schilderungen vermeint man, den ein oder anderen Politiker oder Geschäftsmann wiederzuerkennen. Dieses Vexierspiel ist sicher auch beabsichtigt.
Natürlich denkt man an Haslingers OPERNBALL - auch hier gibt's ja ein Setting, in dem eine bekannte, renommierte und medial präsente Veranstaltung für eine Gewalttat hergnommen wird. Haslinger ist böser und bitterer, natürlich auch politischer, Scholder hat dagegen einen richtigen Pageturner geschrieben. So was kriegt man sonst nur made in the USA. Kompliment also an diesen Erstling - ich freue mich auf den nächsten Roman aus dieser Feder!
Ob ich nach der Lektüre wirklich wieder auf die Wies'n gehe, weiß ich derzeit alelrdings noch nicht...