Neue Zürcher Zeitung
Al Imfeld liest Chinua Achebe
Wie manchmal hiess es in letzter Zeit, dass alles auseinander falle (Things Fall Apart) und nichts mehr so sei wie einst. Wer denkt da nicht auch an den Roman mit diesem Titel vom Nigerianer Chinua Achebe aus dem Jahre 1958, zu Deutsch «Okonkwo oder Das Alte stürzt». Dieser Text bildet zusammen mit dem Roman «Der arme Christ von Bomba» des kürzlich verstorbenen Kameruners Mongo Beti die Ouverture der afrikanischen Literatur Achebe in Englisch, Beti in Französisch. Während Beti klagt und schmäht gegen Mission und christliche Zivilisation, greift Achebe ein urafrikanisches Thema auf: Die Knollenfrucht Yam, das Grundnahrungsmittel der nigerianischen Ibo, darf erst nach dem Segen des Priesters geerntet werden. Dieser Priester oder (besser) Behüter der Tradition, der Protagonist Okonkwo, gibt dieses Mal den Befehl nicht, schiebt ihn hinaus, so lange, bis die Menschen zu hungern beginnen. Okonkwo selbst wird langsam dabei verrückt, verrennt sich immer mehr. Schliesslich muss er fliehen, geht ins Exil, und während dieser Zeit treffen die ersten christlichen Missionare ein. Voll Zorn kehrt er zurück, trifft nicht nur den Missionar, sondern auch den Kolonialverwalter. Wut und Hass steigern sich in ihm, bis er zum Terroristen wird; er tötet den Boten des britischen Gerichts. Sein Volk aber geht nicht mit ihm. Als Ausgestossener erlebt er Entfremdung und Orientierungslosigkeit am eigenen Leibe. Die Tradition ist zum Stillstand gekommen; den Rest zerstört Okonkwo blind. Chinua Achebes Roman war erstmals eine reale Auseinandersetzung mit Tradition und neuer Zeit; zudem ist dies nicht nur äusserlich der erste afrikanische Roman, sondern auch innerlich und inhaltlich. Er zeigt den langsamen Zerfall afrikanischer Gemeinschaft und Tradition in Bezug auf sie selbst. Im Gegensatz dazu ist Mongo Betis Roman eine böse Anklage des Kolonialismus, voller Polemik, blankem Zynismus. Achebe analysiert das Eigene. Als erster Autor baut er Ibo-Sätze und -Worte ins Englische ein, damals noch eine Vermessenheit. Schrieben die anderen Autoren mit Wut gegen etwas, analysierte Achebe mit viel Traurigkeit die neue Lage. Er legt nicht alle Schuld am Zerfall den Engländern, den Kolonisatoren in die Schuhe. Okonkwo wurde so zu einer der ganz grossen tragischen Figuren afrikanischer Literatur. Zu Beginn der sechziger Jahre verfasste als erster Wissenschafter der jüngst verstorbene Schweizer Anthropologe Otto Bischofberger in New York eine Dissertation mit einem Vergleich zwischen diesen zwei Grundromanen der afrikanischen Moderne. Er stand offensichtlich noch zu nahe am kolonialen Geschehen und konnte gar nicht die literarische Bedeutung erahnen. Doch so begann zumindest die Auseinandersetzung; in der Zwischenzeit soll es nach einer Bibliographie zum 70. Geburtstag Chinua Achebes im Jahr 2000 etwa 45 wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit (zumindest zum Teil) diesem Roman geben. Weil ich zur gleichen Zeit in New York lebte, las ich die beiden Werke. Und wurde in der Folge auch ohne Studium afrikanischer Literatur zum grossen Liebhaber und Förderer neoafrikanischer Literatur, zum Freund Achebes und zum Bekannten Betis. Mit dem einen kann ich mich bis heute sehr tief über afrikanische Innereien auseinandersetzen; mit dem anderen, der glaubte, der Kolonialismus sei an allem schuld, musste ich mich streiten. Achebe hat stets mit Hilfe seiner Romane gesellschaftliche Zustände analysiert; Beti hat polemisiert; und der Nobelpreisträger Wole Soyinka, das «Pendant» zu Achebe oder nach nigerianischen Äusserungen der «ungleiche Bruder», arbeitet in seinem Theater mit Humor, Spott und Hohn. Achebe bleibt dagegen stets etwas traurig, denn er trägt die heutige Tragödie Afrikas mit sich, sieht weiterhin zu viel auseinander fallen, aber wenig, das den Yam neu und mit Hoffnung graben lässt. Okonkwo begeht schliesslich Selbstmord, sein Schatten läuft des Nachts noch immer durch Nigerias Gegenden. Al Imfeld Journalist und Vermittler afrikanischer Kultur
Buch der 1000 Bücher
Okonkwo oder Das Alte stürzt
OT Things Fall ApartOA 1958 DE 1959 Form Roman Epoche Moderne
Chinua Achebes Roman schildert den Zusammenprall zweier unvereinbar scheinender Kulturen: der Igbos im Südosten Nigerias mit ihren religiösen Riten und ihrem eigenen Sozialsystem sowie des militärischen Pomps englischer Kolonialherren und christlicher Missionare.
Inhalt: Der Roman spielt in der Zeit von 1850 bis 1900 und zeigt den Wandel der Lebensweise in zwei Dörfern. Der Held Okonkwo, der sich in seiner Jugend als Ringkämpfer große Anerkennung verschafft hat, ist einer der geachtetsten, reichsten und mächtigsten Männer eines der Dörfer. Getrieben von der Furcht, wie sein musischer Vater als Schwächling und Versager zu gelten, hat er es bis zum höchsten Titel der Igbo-Gemeinschaft geschafft. Doch verkörpert er nicht Toleranz als höchstes Ideal der Igbo-Gesellschaft, sondern hat sich durch Jähzorn und rücksichtslosen Ehrgeiz Respekt verschafft. Dreimal verstößt er gegen Grundregeln der Igbo-Religionsauffassung, und als er aus Versehen ein Sippenmitglied tötet, muss er für sieben Jahre ins Exil. Nach der Rückkehr erkennt Okonkwo, wie sehr sich sein Dorf unter dem Einfluss von Christentum und Kolonialismus verändert hat. Seiner Revolte gegen die Kolonialbeamten schließt sich niemand an. Unfähig, sich den neuen Lebensbedingungen anzupassen, erhängt er sich.
Aufbau: Achebe zeigt den Werdegang seines Helden in der Retrospektive. Die gemächliche Handlung lässt Raum für die Darstellung des vorkolonialen Lebens im Igbo-Dorf. Das Buch ist in 25 Kapitel eingeteilt, wovon die ersten zehn jeweils ein rituelles Ereignis im Verlauf eines Igbo-Jahres zeigen: u. a. Friedenswoche, Masken- und Erntefest. In Achebes Sprache finden sich Sprichwörter und Bilder aus der Igbo-Kultur; seine Sätze sind zwar schmucklos kurz, aber kraftvoll. Die Kritik an Kolonialverwaltung und Christentum als Wegbereiter der Kolonisation entbehrt jegliches Pathos und agitatorische Rhetorik, sondern ist um Sachlichkeit und Objektivität bemüht. Zugleich vermeidet Achebe eine Idealisierung des traditionellen afrikanischen, »authentischen« Lebens.
Wirkung: Okonkwo oder Das Alte stürzt widerlegte beeindruckend die in der westlichen Welt bis kurz vor der Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten weit verbreitete Meinung, dass es in Afrika vor der Ankunft der Europäer keine eigenständigen Kulturen gegeben habe und der Schwarze Kontinent erst durch die Europäer zivilisiert werden musste. Achebe gilt als einer der ersten Schriftsteller, die Afrikas Selbstbewusstsein durch Verwendung afrikanischer Sprachmuster, Metaphern und Rhythmen zum Ausdruck brachten; gerade der Roman Okonkwo oder Das Alte stürzt gibt ein Beispiel dafür, wie die englische Sprache kunstvoll und verständlich zugleich afrikanisiert werden kann. Das Buch wird seither als Klassiker der afrikanischen Gegenwartsliteratur gehandelt, wurde in mehr als vier Dutzend Sprachen übersetzt und begründete Achebes Ruf als »Vater der modernen afrikanischen Literatur«. M. L.