In den 60ern findet sich eine Gruppe Studenten/Innen um den charismatischen Spencer Mallon, der krude Philosophien à la "Alles ist alles." von sich gibt und so z.B. Diebstahl rechtfertigt.
Die Studenten/Innen sind aber keineswegs beste Freunde, sondern es gibt Spannungen zwischen ihnen.
In einer verhängnisvollen Nacht starten Mallon und seine Anhänger eine Art Messe - mit der Folge, dass einer von ihnen stirbt und die anderen einen bleibenden Schaden davontragen; z.B. erblindet eine Studentin später, und ein Student landet in der Psychiatrie und kommuniziert nur noch über Buchzitate (das fand ich originell!), weil ihm die eingeschränkte Sprache Sicherheit gibt.
Lee Harvell, ein Mitstudent, der der Gruppe um Mallon jedoch nicht angehörte, heiratet eine der Studentinnen, wird Schriftsteller und kommt Jahrzehnte später auf die Idee, herauszufinden, was in jener Nacht tatsächlich geschah. Und plötzlich drängt die Vergangenheit in die Gegenwart...
Mit Büchern von Straub ist es so eine Sache.
Ich mag einige, z.B. "Der Schlund", "Mystery" und "Das Haus der blinden Fenster", andere habe ich abgebrochen, z.B. "Julia", "Schattenstimmen" und, ja, auch "Geisterstunde".
Woran liegt das?
Die meisten Autoren arbeiten insofern an einer Geschichte, dass sie möglichst klar und eingängig strukturiert ist. Straub geht einen Schritt weiter, zerstückelt die Geschichte und setzt sie dann neu wieder zusammen, in wirrer Reihenfolge. So entsteht, was ich mal die "Straub'sche Verworrenheit" nennen möchte. Die Folge ist, dass es anstrengend und manchmal nervig ist, der Geschichte zu folgen, weil die Zusammenhänge der Szenen erst später klar werden. Das fordert dem Leser Durchhaltevermögen und Geduld ab. Kennt man Straub nicht, sollte man das über ihn wissen.
Straub hat jedoch mit King das fantastische "Der Talisman" geschrieben, und deswegen hat er bei mir einen Stein im Brett. (Nebenbei: Den Nachfolger "Das schwarze Haus" fand ich deutlich schwächer.) Dieser Sympathiebonus ließ mich dann auch zu "Okkult" greifen.
Auch hier bleibt sich Straub treu.
Ganz grob zur Struktur des Buchs:
Im ersten Viertel gibt es Rückblicke auf die 60er-Jahre-Zeit, die Charaktere (in jung) werden eingeführt. Da wird man erstmal ein bisschen erschlagen, weil das schon ein paar sind, und dass dann einige mehrere Namen/Bezeichnungen haben, macht die Sache nicht gerade einfacher, aber das gibt sich im weiteren Verlauf.
Im zweiten Viertel macht sich der Ich-Erzähler Lee Harvell auf die Suche nach den verbliebenen Mallon-Anhängern.
Im dritten Viertel geht es dann langsam tatsächlich um die Messe. Diese wird aus verschiedenen Sichtweisen von Studenten/Innen betrachtet (was wahrscheinlich langweiliger klingt, als es ist, denn jeder hat dabei etwas anderes Surreales erlebt).
Im letzten Viertel schließelich werden Zusammenhänge hergestellt. Die Messe erscheint plötzlich in einem neuen Licht, und es wird über epische Themen philosophiert.
Ja, die Struktur der Geschichte ist konfus, es braucht Durchhaltevermögen und Geduld, die Charaktere mit den vielen Namen verwirren anfangs, manche Teile sind nervig zu lesen und manches ist in fast ärgerlicher Weise inszeniert. Manche Punkte der Messe sind ziemlich surreal, nicht leicht zugänglich.
Doch was ist gut gelungen?
Ich fand die Charakterisierungen stark, der Umgang der Charaktere miteinander, Straub verwendet interessante Beobachtungen, es gibt unterhaltsame Stellen und hier und da auch etwas Spannung. Das Ganze fügt sich am Ende zusammen (allerdings auch nicht so sehr, wie ich gehofft hatte) trotzdem lohnt es sich.
Insgesamt ein etwas anstrengendes Buch. Straub-Kenner werden ahnen, was sie erwartet. Lesern, die sonst eher Standard-Thriller/Horror/Fantasy konsumieren und simple, eingängige Erzählstrukturen schätzen, sei von diesem Buch eher abgeraten. Alle anderen: ausprobieren! Bei zähen Stellen muss man sich bei Straub immer an dem Gedanken hochziehen, dass am Ende i.d.R. alles zusammengeführt wird und Sinn ergibt. ;)
Ich gebe 4 von 5, inkl. kleinem Straub-Sympathiebonus.