Das Buch ist insgesamt sehr interessant, zumal es mit eigenen Thesen daherkommt, die auch noch eingehend begründet werden. Dennoch habe ich mich mit ihm so schwer getan, wie mit kaum einem anderen in den letzten Monaten. Das hatte vor allem zwei Gründe:
1. Dem Buch fehlt eine klare Strukturierung. Statt Kapitelüberschriften, die bereits andeuten, worum es im Wesentlichen darin geht, heißt es Kapitel I, Kapitel II usw. Ich lese Bücher gerne zunächst selektiv. Dazu schaue ich ins Inhaltsverzeichnis, um mir die Kapitel herauszusuchen, deren Themen mich ganz besonders interessieren. Erwecken sie mein Interesse, lese ich ggf. den gesamten Text zusammenhängend. Das ist bei diesem Buch nicht möglich: Entweder fehlen die Titel ganz, oder sie sind nichtssagend wie etwa "Doktor John schlägt zurück".
2. Der Text ist mitunter dermaßen schwafelig, dass ich drauf und dran war, das Handtuch zu werfen. Textprobe (S. 105f.): "Man mag es nicht glauben: Das Theoriegebäude der Neoklassik, auf das sich die Wirtschaftspolitik des Westens seit Jahrzehnten stützt, kennt weder Geld noch Gewinn. Womit soll man das am besten vergleichen? Mit Gourmet-Kochbüchern, die von strengen Vegetariern geschrieben werden? Mit Vatikan-Funktionären, die Sex-Ratgeber herausbringen? Schwimmlehrern, die wasserscheu sind? Doch es kommt noch besser: Zunächst war die Ökonomie gar nicht dazu gedacht, praxistaugliche Erklärungen zu liefern. Oder gar politische Empfehlungen abzugeben. Vielmehr war sei eine rein akademische Übung. Ein intellektueller Schleifstein, an dem angehende Ökonomen ihre Gedanken schärfen konnten. Nichts weiter. Ein Glasperlenspiel - wie in Hermann Hesses gleichnamigen Roman: So wunderschön und für die Praxis doch so nutzlos. Aber während die Bürger Kastaliens ihr Leben unbehelligt von den Magistern des Glasperlenspiels führen konnten, wird unsere Realität von den Abstraktionen und Fiktionen der Ökonomie sehr wohl beeinflusst. Ob wir es wollen oder nicht. ..." Aus reinem Selbstschutz begann ich die Seiten irgendwann nur noch diagonal zu lesen.
Viele Überlegungen des Buches fand ich durchaus interessant. Dazu gehörten die Darstellungen der historischen Bankenentwicklung und über den Weg hin zum Finanzmarktkapitalismus, die Ausführungen zum Wachstumszwang durch hohe Einkommen, zu den Alternativen Wirtschaftswachstum oder Verteilungskampf, zu Einkommensunterschieden, zum Außenhandel, zum "Physikneid"(siehe etwa John Brockman:
Die dritte Kultur) in den Volkswirtschaften u.v.a.m.
Auch hat mir sein Gedankenexperiment zur Herkunft des Gewinns sehr gut gefallen, wenngleich er mir da stellenweise zu viel hineininterpretierte. Denn im Grunde zeigt das Beispiel nur, wie Geldmengenwachstum und damit letztlich echtes Wachstum entstehen kann: Aufgrund des Kreditwachstums (ggf. auch durch Zinsen) muss ständig neues Geld in Umlauf gebracht werden. Der Autor behauptet jedoch, damit ließe sich sogar die Herkunft des Gewinns und des Wohlstands erklären. Wohlstand entsteht gemäß ihm dadurch, dass Unternehmen Kredite aufnehmen (148): "Damit Gewinnerzielung auf gesamtwirtschaftlicher Ebene möglich wird, muss irgendwer per Kredit in Vorleistung gehen: Dadurch erst werden die Einkommen geschaffen, die einen Gewinn für alle ermöglichen; das setzt die Wachstumsspirale in Bewegung. Das 'Mehr' kann dann auf alle übrigen Sektoren verteilt werden, an den Staat über Steuern und an die Beschäftigten über Lohnzuwächse - und schon haben wir 'Wohlstand für alle' verwirklicht."
Und an anderer Stelle (153): "Wie wir vorhin mit Karl Marx festgestellt haben, speist sich steigender Wohlstand aus Investitionen." Diese Investitionen stellen für ihn die eigentliche Ursache der Unternehmensgewinne dar (156): "Alle Unternehmen zusammengenommen können in einer bestimmten Periode nur so viel Gewinn erzielen, wie in dieser Periode insgesamt investiert wird." Tatsächlich?
Ich halte seine Aussagen an dieser Stelle für nicht ganz korrekt bis stellenweise falsch. Wohlstand für alle entsteht meiner Meinung nach primär durch Innovation. Und das funktioniert bereits in Tauschwirtschaften. Stellen wir uns dazu zwei Steinzeitmenschen vor: der eine geht zur Jagd, der andere fertigt Pfeil und Bogen (in Sinne des Buches arbeitet der Jäger in der Konsumgüterindustrie, der Bogenbauer dagegen in der Investitionsgüterindustrie). Irgendwann machen die beiden einen Deal: Der Bogenbauer versorgt den Jäger mit immer besseren Jagdwaffen, dafür gibt ihm der Jäger die Hälfte seines Jagderfolges ab. Mit der Zeit dürfte es den beiden Steinzeitfamilien immer besser gehen. Warum? Weil man innovativ ist und die Produktivität fortlaufend verbessert. Auch ohne dass Geld fließt, kann man sich immer mehr "leisten".
Kredite werden erst dann erforderlich, wenn Produktivitätsverbesserungen nur mit immer größeren Investitionen zu erreichen sind, wenn also Innovationen immer mehr Geld kosten. Der Zwang zur Innovation im Wettbewerb ist es folglich, der die Wirtschaft vorantreibt, und nicht die Kreditaufnahme oder gar die Erfüllung von Gläubigerpflichten, wie es der Autor glauben machen möchte. Dabei bringt er es in seinem Gedankenexperiment, welches ganz nebenbei ein sehr schönes Beispiel für eine Red-Queen-Argumentation ist, eigentlich auf den Punkt: Der Unternehmer muss ständig investieren, weil es der Wettbewerb seiner Meinung nach auch tut. Wie heißt es doch so schön: Hierzulande musst du so schnell rennen wie du kannst, um auf der Stelle stehen zu bleiben.
Des Unternehmers Sorge ist also der Erhalt (die Reproduktion) seiner Marktkompetenzen. Und deshalb muss er investieren. Das Missverständnis tritt auch in einem Zitat Gunnar Heinsohns zu Tage (146): "Für Gunnar Heinsohn investieren Unternehmer denn primär auch zur 'Verteidigung ihres Eigentums', wie er es nennt: 'Wer nicht investiert, reduziert den Wert seines Eigentums und beeinträchtigt dadurch seine Kreditfähigkeit ...'". Dies ist nur bedingt richtig: Wer nicht investiert, reduziert seine Kompetenzen und gefährdet hierdurch den eigenen Selbsterhalt und damit dann natürlich u.a. auch sein Eigentum.
Gewünscht hätte ich mir noch eine Auseinandersetzung mit dem Freigeld (immerhin behaupten deren Vertreter, sie könnten Wirtschaftswachstum und Wohlstand für alle ganz ohne Zins produzieren), dem Monetarismus (dieser kennt Geld, denn bei ihm steht die Geldmenge im Vordergrund - dessen Hauptvertreter Milton Friedman wird aber nicht einmal im Namensverzeichnis aufgeführt), der Erdölproblematik (in Saudi Arabien bohrt man beispielsweise ganz einfach Löcher sind den Boden und schon sprudelt Geld daraus) und eine Einbettung der vorgetragenen Zusammenhänge in die Evolutionstheorie. Die Systemische Evolutionstheorie erklärt beispielsweise die technische Evolution beinahe exakt so wie das Gedankenexperiment des Autors. Allerdings erklärt sie Unternehmen zu eigenständigen Evolutionsakteuren (und damit gewissermaßen zu Lebewesen), die fortwährend um die Bewahrung ihrer (relativen) Kompetenzen bemüht sind.
Dennoch halte ich das Buch insgesamt für sehr lesenswert.