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Ohne Paß und Zoll. Aus meinem Schreiberleben.
 
 
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Ohne Paß und Zoll. Aus meinem Schreiberleben. [Gebundene Ausgabe]

Jurij Brezan


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Jurij Br?zan
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Kurzbeschreibung

Seine Mutter hatte ihm wieder aufgetragen, seine drei jüngeren Schwestern zu beaufsichtigen. Es regnete, und es nervte ihn, daß sie sich um eine Puppe stritten. Um endlich Ruhe zu haben, dachte er sich eine Geschichte aus. Wie daraus ein Beruf wurde, das beschreibt der 81jährige in diesem Buch. Darin erfährt man nicht nur, wie aus Erlebtem Literatur entsteht, sondern erhält zugleich einen Einblick in das bewegte Verlags und Kunstgeschehen der DDR von den 50er Jahren bis in unsere Tage. Es sind Geschichten aus der Werkstatt eines großen Schriftstellers.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

"Wie ich ein zweiköpfiges Kalb war
Nach der Gründung der zwei deutschen Staaten wollten -oder sollten - die Schriftsteller zwischen Elbe und Oder ihren eigenen Verband gründen. Zu diesem Kongreß wurde auch ich, obwohl ich noch keine Zeile in deutscherSprache veröffentlicht hatte, aus mir unbekanntem Grund eingeladen. Ich fuhr also hin, fand den richtigen Saal, setzte mich in die leere viertletzte Reihe, ganz außen und nur auf die halbe Backe, bereit aufzuspringen, sobald jemand mein durch nichts als die simple Einladung ausgewiesenes Eindringen bemerken und, sei es auch nur durch einen verweisenden Blick, rügen würde. Das tat niemand, ich setzte mich ein wenig bequemer hin und versuchte - Zeitungsfotos im Kopf - zu erkennen, wer wohl wer sei. Ein Präsidium wurde gewählt, sechs oder sieben Leute nahmen auf der Bühne Platz, ein Ehrenpräsidium wurde beklatscht, obwohl keiner - weder Stalin noch Mao Tse-tung - erschien, und dann begann Arnold Zweig eine Rede vorzutragen, über Unbewußtes im Unterbewußten wohl. Hinter mir betrat ein Mann den Saal und blieb am Eingang stehen. Er schien noch weniger als ich vom Unbewußten zu verstehen, offenbar unsicher sah er sich im Saal um, wechselte öfter das Standbein, wobei die Dielung knarrte, was ihm sichtlich unangenehm war. Am selben Tag fand unweit von hier auf der anderen Spreeseite im 'Friedrichstadtpalast' ein Kongreß der Landarbeiter statt. Vielleicht hatte der Mann dahin gewollt, dachte ich, schon sein Äußeres - er trug eine Art blaue Montur - deutete darauf hin. Viermal erhob ich mich halb, um ihm zu seinem Kongreß zu verhelfen, und viermal ließ ich es bleiben: Wenn er noch lange dem Unbewußten zuhört, wird er selbst merken, daß es sich hier nicht um Probleme von Landarbeitern handelt. Da erhob sich im Präsidium ein hochgewachsener, vornehm und schön anzusehender Mann etwa meines Alters, trat zum redenden Arnold Zweig und flüsterte ihm etwas zu. Zweig unterbrach sich im Unbewußten, richtete seine stark bebrillten Augen etwa in meine Richtung und sagte mit seiner hohen, schon leicht angegreisten Stimme: 'Kollege Hermlin sagte mir soeben, unser Freund Bertolt Brecht sei eingetroffen. Wir bitten ihn, seinen Platz im Präsidium einzunehmen.' Alle applaudierten, ich auch, nur mein Landarbeiter nicht. Er strich sich über seinen kurzgeschorenen Kopf, setzte sich langsam in Bewegung und nahm, Zweigs Aufforderung entsprechend, 'seinen Platz im Präsidium ein'. ..."

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