Aus der Amazon.de-Redaktion
Ein Leben freilich, das für die Gerettete vor allem eines ist: qualvolle Buße für etwas, das sie selbst nicht zu verantworten hat. Und ein Leben, dem abermals die Rache zu seinem bestimmenden Inhalt wird. Fast schon am Ende dieses Lebens -- und nachdem alle anderen an der Hinrichtung Beteiligten schon selbst Opfer ihrer Tat geworden sind -- taucht das Mädchen vor der kleinen Losbude auf, in der ihr damaliger Retter seinen Lebensunterhalt verdient.
Ohne Blut ist der fünfte Roman aus der Feder Alessandro Bariccos und ein kleines Meisterwerk. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass sich schon bald der eine oder andere Drehbuchautor über dieses Buch beugen wird, um es mit großer Lust zu durchpflügen. Ein noch größeres Vergnügen nämlich als die bloße Lektüre dürfte es machen, die Fäden der Geschichte versuchsweise einmal hier und dort aufzunehmen, um sie mal aus dieser, mal aus jener Perspektive, mal mit diesem Anfang und jenem Ende, mal chronologisch dem Roman folgend, mal die Mitte an den Anfang oder ans Ende setzend zu erzählen. Baricco schreibt, so hat es den Anschein, nicht weniger als für den Leser für das Kino. Das war bereits bei Seide so und bei Novecento war es nicht anders. Ohne Blut aber ist in dieser Hinsicht vollkommen. --Andreas Vierecke
Pressestimmen
Kurzbeschreibung
Der Verlag über das Buch
»Fesselnd bis zur letzten Seite […] Eine brillante Erzählung, die einmal mehr die außergewöhnliche Begabung des Schriftstellers für fantasievolle, filmreife Geschichten unter Beweis stellt.« Marion Schwarzmann in der »Gießener Allgemeinen«
»Alessandro Baricco verzaubert uns. Immer wieder. Ganz neu. Seine Bücher sind stürmisch wie das Meer.« Carolin Fischer in »Bücher« »Das Sein gewinnt bei Baricco seine Bedeutung in wenigen blitzartigen Momenten.« Gabriella Lorenz in der »AZ« -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
Über den Autor
Auszug aus Ohne Blut. von Alessandro Baricco. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Die vier Männer kamen in einem alten Mercedes. Die Straße war holprig und ausgetrocknet - eine armselige Landstraße. Aus dem Bauernhaus sah Manuel Roca die Männer kommen.
Er trat an das Fenster. Erst sah er die Staubsäule über dem Mais aufsteigen. Dann hörte er das Geräusch des Motors. In dieser Gegend hatte keiner mehr ein Auto. Manuel Roca wußte das. Der Mercedes tauchte in der Ferne auf und verschwand wieder hinter einer Reihe von Eichen. Dann sah Manuel Roca nicht mehr hin.
Er ging zurück zum Tisch und strich seiner Tochter über den Kopf. Steh auf, sagte er zu ihr. Er nahm einen Schlüssel aus der Tasche, legte ihn auf den Tisch und nickte seinem Sohn zu. Sofort, sagte der Sohn. Sie waren Kinder, zwei Kinder.
An der Kreuzung am Bach bog der Mercedes nicht in die Straße zum Bauernhof ein, sondern fuhr Richtung Alvarez, als wollte er sich entfernen. Die vier Männer schwiegen. Der Mann am Steuer trug eine Art Uniform. Der, der vorne neben ihm saß, trug einen cremefarbenen Anzug. Frisch gebügelt. Er rauchte eine französische Zigarette. Fahr langsamer, sagte er.
Manuel Roca hörte, daß sich das Motorengeräusch in Richtung Alvarez entfernte. Wen wollen sie damit zum Narren halten? dachte er. Er sah seinen Sohn ins Zimmer zurückkommen, mit einem Gewehr in der Hand und einem anderen unter dem Arm. Leg sie dorthin, sagte er. Dann wandte er sich seiner Tochter zu. Komm, Nina. Hab keine Angst. Komm her.
Der elegant gekleidete Mann drückte die Zigarette auf dem Armaturenbrett des Mercedes aus, dann ließ er den, der fuhr, anhalten. Hier ist gut, sagte er. Und stell diesen Krach ab. Das Geräusch der Handbremse ertönte, wie eine Kette, die in einen Brunnen fällt. Dann nichts mehr. Die Landschaft schien von einer unheilbaren Stille verschluckt.
Wir wären besser gleich zu ihm gefahren, sagte einer der beiden, die hinten saßen. Jetzt hat er genügend Zeit abzuhauen, sagte er. In der Hand hielt er eine Pistole. Er war noch ein Junge. Sie nannten ihn Tito.
Er haut nicht ab, sagte der elegant gekleidete Mann. Davon hat er die Schnauze voll. Gehen wir.
Manuel Roca schob die mit Obst gefüllten Körbe beiseite, bückte sich, öffnete eine versteckte Falltür und warf einen Blick hinunter. Es war kaum mehr als eine große, in die Erde gegrabene Mulde. Es sah aus wie die Höhle eines Tiers.
"Hör zu, Nina. Gleich kommen Leute, und ich möchte nicht, daß sie dich sehen. Du mußt dich hier drin verstecken, am besten versteckst du dich hier und wartest, bis sie wieder weg sind. Hast du mich verstanden?"
"Ja."
"Du mußt nur hier unten bleiben und ganz leise sein."
"..."
"Was auch geschieht, du darfst nicht herauskommen und dich nicht rühren, du mußt leise sein und warten."
"..."
"Alles wird gut."
"Ja."
"Hör zu. Vielleicht muß ich mit diesen Herren fortgehen. Du kommst nicht eher raus, bis dein Bruder dich holt, verstanden? Oder bis du hörst, daß niemand mehr da ist und alles vorbei ist."
"Ja."
"Du mußt warten, bis niemand mehr da ist."
"..."
"Keine Angst, Nina, dir kann nichts passieren. In Ordnung?"
"Ja."
"Gib mir einen Kuß."
Das Mädchen berührte mit den Lippen die Stirn ihres Vaters. Der Vater fuhr ihr mit der Hand durch das Haar.
"Alles wird gut, Nina."
Dann stand er da, als müßte er noch etwas sagen oder tun.
"Das habe ich nicht gewollt."
Sagte er.
"Denk immer daran, daß ich das nicht gewollt habe."
Das Mädchen suchte in den Augen des Vaters instinktiv etwas, das ihr helfen würde zu verstehen. Sie sah nichts. Der Vater beugte sich zu ihr hinunter und küßte sie auf die Lippen.
"Komm, Nina. Jetzt klettere hinein."
Das Mädchen ließ sich in die Mulde fallen. Die Erde war hart, trocken. Sie legte sich hin.
"Warte, nimm die hier."
Der Vater reichte ihr eine Decke. Sie breitete sie auf der Erde aus, dann legte sie sich wieder hin.
Sie hörte den Vater etwas zu ihr sagen, dann senkte sich die Falltür. Sie schloß die Augen und öffnete sie wieder. Durch die Bodendielen sickerten Lichtstrahlen. Sie hörte die Stimme ihres Vaters, der immer noch redete. Sie hörte das Geräusch der Obstkörbe, die über den Boden geschleift wurden. Es wurde dunkler dort unten. Ihr Vater fragte sie etwas. Sie antwortete. Sie hatte sich auf der Seite ausgestreckt. Mit angewinkelten Beinen lag sie da, zusammengekauert wie in ihrem Bett, als müßte sie nur noch einschlafen und träumen. Sie hörte ihren Vater wieder etwas zu ihr sagen, liebevoll, über den Fußboden gebeugt. Dann hörte sie einen Schuß und das Geräusch eines Fensters, das in tausend Stücke ging.
"ROCA!... KOMM RAUS, ROCA... MACH KEINEN UNSINN, UND KOMM RAUS."