Mit "Oh Mercy" scheint Dylan fast genau da weiterzumachen, wo er gut 10 Jahre vorher mit "Blood on the Tracks" aufgehört hat... Ein stimmungsvoll-düsteres Album, voller Balladen und Songs über die Härten des Lebens. Das alles ist meisterlich arrangiert von Daniel Lanois, der die insgesamt eher sparsame Instrumentierung punktgenau einsetzt. Auch wenn ich mir vor allem die besten Songs des Albums, die Tracks 4, 5, 6 und 10, auch hervorragend in allersparsamster unplugged-Instrumentierung vorstellen könnte, wie auf ylans "World Gone Wrong" von 1993 -- so, wie sie hier zu hören sind, sind sie umwerfend.
Je sparsamer in Szene gesetzt, desto besser: Mit dem "Man in the Long Black Coat" erreicht Dylan einen der vielen einsamen Gipfel in seinem Gesamtwerk. Eine düstere Ballade, die die Geschichte der Frau, die mit dem geheimnisumwitterten Mann im schwarzen Mantel davionging, in poetischen Genrebildern erzählt. Genial ist schon der Auftakt: "crickets are jamming" -- und im Hintergrund hört man tatsächlich die Grillen zirpen. Eine stimmungsvolle Momentaufnahme aus einem weiten Land, wie man sie sich schöner kaum vorstellen kann.
Überhaupt: Die Stimmung, die Atmosphäre -- sie durchdringen das ganze Album. Am ehesten fallen noch "Political World" und "Everything is Broken" aus dem Rahmen -- vor allem "Political World" ist aber dennoch ein typischer Dylan, eine wortgewaltige Anklage über den Niedergang der Welt; Shakespeare-Kenner könnten womöglich Versatzstücke aus dem 66. Sonett wiedererkennen, denen aber kein versöhnliches Couplet folgt.
Ansonsten beweist Dylan hier wieder mal in (leider nur) 39 Minuten, dass er derjenige welcher unter den Songwritern ist. "Oh Mercy" gehört zu den Dylan-Alben, bei denen von Anfang bis Ende so ziemlich alles stimmt, hinzu kommt diese dichte Atmosphäre, die gekonnte Instrumentierung, die musikalischen Anleihen bei den unwahrscheinlichsten Genres: "Where Teardrops Fall" zum Beispiel, eine edle Schwofnummer mit melancholischem Saxophon am Ende.
Das Filetstück dieses Albums aber sollte man sich am Stück anhören, nachdem man sich zuverlässig von allen potentiellen Störenfrieden abgeriegelt hat: "Ring Them Bells", "The Man In The Long Black Coat" und "Most of the Time" folgen direkt hintereinander und zelebrieren die Abgründe der Melancholie. Schließlich will auch Melancholie gewürdigt sein, und hier wird sie's wie selten zuvor.
Und nicht nur bei "The Man in the Long Black Coat" sollte man genauer auf den Text achten; "Most of the Time" lässt einen auch verstehen, warum Dylan seit Jahren als potentieller Literatur-Nobelpreisträger gehandelt wird.
Auch die anderen Tracks auf "No Mercy" sind solideste Dylan-Ware, und was das heißt, weiß man. Hervorheben sollte man noch den Schlusspunkt: das zum Heulen schöne "Shooting Star".