Man muss ihn hören, man muss diese Stimme, das etwas zu laute, etwas zu rheinische, etwas zu schrille, etwas zu theatralische Timbre dieses begnadeten Sonor-Poeten gehört haben, um seine Liebesgedichte zu verstehen. Um zu hören, wie hier das Leben aus allen Sprach-Poren quillt, wie sich Wörter und Verse in wildem Tanz umeinander drehen und gegenseitig verschieben, wie sich hier einer einen Scherz macht, mit der Sprache, der Literatur, mit der Liebe und ihren Klassikern. Denn die hier versammelten 100 - oft wirklich großartigen! - Gedichte sind mehr oder weniger offensichtliche Spielarten bekannter Werke von Goethe, Hölderlin, Rilke und Co., Hip-Hop- oder Minimal-Varianten von "Wandrers Nachtlied", "Hälfte des Lebens", "Archaischer Torso" und anderen Kleinodien aus den Höhenkammlagen des deutschen Klassikergebirges. Eng genug an der Vorlage, um sich in Ton und Sprachbild einzuschwingen, doch weit entfernt vom Plagiat, entwickelt Lenz hier eine Poetik des Fortschreibens, die - neben der klassizistischen Verehrungsattitüde - zugleich so etwas wie ein trotziges Beharren darstellt. Beispielweise wenn Lentz sein Gedicht "sonst gedächtnis", in dem (man mag das als programmatisch ironische Reverenz lesen...) "der fieberton einer mücke rückwärts gesungen" wird mit dem Motto des ganzen Bandes enden lässt: "du bleibst" (15). Ja tatsächlich, da bleibt etwas ganz Eigenes, Neues, unerhört Sprachmächtiges, "in den höchsten tönen" (93) aus großartig belesenem "gebuchtem Mund" (101).