Mit Tamara Hayle hat die amerikanische Autorin Valerie Wilson Wesley eine vielschichtige und profilierte Heldin erschaffen: Tamara ist Afro-Amerikanerin, alleinerziehende Mutter und verdient ihre Brötchen als Privatdetektivin. Eine ungewöhnliche und seltene Kombination, zumal Tamara jegliche Kaltschnäutzigkeit fehlt. Ihre Stärken liegen in ihrem aufgeweckten Verstand, einer scharfen Beobachtungsgabe sowie ihrer mütterlichen und fürsorglichen Art.
So erlebt der Leser sie auch in ihrem mittlerweile sechstem Fall "Off-Road-Kids". Die junge Gabriella Desmond, ein Mädchen aus gutem Hause, ist verschwunden. Ihre Mutter Dominique beauftragt Tamara - gegen den Willen ihres Mannes Forster Desmond - nach Gabriella zu suchen. Die Spuren führen die Privatdetektivin nach Atlantic City, einer Glitzer- und Glücksspielstadt mit den typischen Schattenseiten einer solchen Metropole: Armut, Prostitution, Drogenmissbrauch und organisiertes Verbrechen. In diesem Sumpf soll sich auch die vermisste Gabriella aufhalten.
Zeitgleich zum Verschwinden der jungen Dame treibt in der Stadt ein Serienkiller sein Unwesen. Der Polizei fehlt bislang eine heiße Spur und viele Bewohner glauben, dass es die Cops mit der Suche nicht so eilig haben, denn die Opfer waren junge Prostituierte. Auch für Tamara wird Atlantic City zu einem heißen Pflaster, gerät sie doch dem Mafiaboss Delmundo Real in die Quere. Unmissverständlich gibt er ihr zur verstehen, dass sie ihre Suche nach Tamara lieber lassen und sich aus seinen Angelegenheit heraus halten sollte.
Tamara bleibt zwar auf der Hut, setzt ihre Ermittlungen aber fort und trifft dabei auf Freundinnen von Gabriella, die bezeugen, dass die Gesuchte schwanger ist. Könnte Gabriella vielleicht deswegen aus ihrem strengen Elternhaus geflohen sein? Bevor sie darauf eine Antwort erhält, begegnet sie auch noch Basil Dupre. Mit ihm hatte sie vor vielen Jahren auf Jamaica eine wohl eher unromantische, dafür aufregende, Nacht verbracht. Basil erscheint ihr nun in der gefährlichen Stadt wie ein Geschenk des Himmels. Trotz der Warnungen, die ihr auch Basil erteilt, sucht Tamara weiter und findet Anhaltspunkte in der Familiengeschichte der Desmonds - die auch eine Antwort auf Gabriellas Verschwinden gibt.
Unspektakulär und spannend lässt die Autorin ihre Heldin Tamara die Geschichte erzählen. Tamara ist keine prügelnde Powerfrau, sondern eine sorgende, manchmal auch übervorsichtige Mutter und Detektivin, die Gewalt verabscheut und nur mit einer Dose Pfefferspray und einem Schweizer Armeemesser bewaffnet ist. Wesley geht es nicht um die Darstellung von Gewalt; alle Verbrechen werden aus der Rückschau, durch Zeitungs- oder Fernsehberichte erzählt. Die Autorin zeigt vielmehr die psychischen und physischen Narben auf, die sowohl bei Opfern als auch bei Tätern zurückbleiben.
Es sind die Folgen der Gewalt, die in der afro-amerikanischen Bevölkerung scheinbar an der Tagesordnung ist. Doch auch die subtile Rassendiskriminierung, die immer noch wirkt und existiert, thematisiert Wesley auf intelligente Weise, ohne in Sozialkitsch oder falsche Betroffenheit abzugleiten. Wesleys Roman ist nicht nur ein spannender Krimi, er ist zugleich eine feinfühlige, lebensnahe und glaubwürdige Milieustudie der schwarzen Bevölkerung. Sie gewährt Einblicke in die angeblich heile Welt fanatischer Religionsführer und ihrer Familien, in die kaputte Welt von Jugendlichen, die auf der Straße landen, weil ihnen die Zukunft gestohlen wurde und in das Seelenleben einer sympathischen Heldin, die hin- und hergerissen ist zwischen Mutterpflichten, Detektivarbeit und Liebesleben. Kurz: Eine starke Geschichte mit starken Figuren!