(Bezieht sich auf die "Odyssee" in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß)
Odysseus, der Listenreiche,
der große Filou, das erste und größte Schlitzohr der Weltliteratur -- in der Odyssee geht es vor allem um ihn. Außerdem -- und das ist einem kaum bewusst -- teilt Homer (wer immer sich hinter dem Namen "Homer" verbergen mag) hier auch viele Ereignisse aus dem Trojanischen Krieg mit, die in der Ilias bestenfalls angedeutet werden.
Vor allem anderen freilich geht es um Odysseus' Irrfahrten und Abenteuer.
Wer die Odyssee bislang nur aus "für die Jugend bearbeiteten" Fassungen kannte, der wird sich erstmal wundern: Homer beginnt sein Epos nicht mit dem Anfang. Nach einer Art Vorspiel auf dem Olymp erfährt man: Odysseus ist glücklich bei den Phäaken gelandet, seine Heimat Ithaka ist nicht mehr weit. Am Hof der Phäakenkönigs erzählt er unter Pseudonym seine bisherigen Abenteuer; die meisten Leser werden sich erinnern: Die Blendung des Polyphem, die Fahrt zwischen Scylla und Charybdis, die Sirenen und Kirke... und noch vieles mehr, das man nicht mehr so genau in Erinnerung hat. Eingeschoben sind Passagen, in denen es um seine Frau Penelope und seinen Sohn Telemach geht, der ebenfalls unterwegs ist, und zwar in Sachen "Wo steckt eigentlich Odysseus?".
Schließlich segelt Odysseus nach Ithaka weiter, doch einfach machen ihm die Götter die Heimkehr nicht. Erst muss er noch der vielen Freier Herr werden, die seit Jahren die standhafte und auch recht listenreiche Penelope belagern... Ein Finale furioso gewissermaßen.
Wie man sieht, greift bereits der erste Epiker der europäischen Literatur zu auserlesenen Mitteln, um seine Geschichte noch spannender zu machen, als sie es ohnehin schon ist. Aber nicht nur das: Im Gegensatz zur Ilias geht es in der Odyssee nicht um Heldentaten und Waffengeklirr. Nicht der Kraftmeier Polyphem siegt, sondern der Fuchs Odysseus. Schon die Einleitung der Odyssee ist geprägt von List und Witz -- ja, richtig gelesen: Witz! -- Die olympischen Götter beraten über das weitere Schicksal des Odysseus, der noch immer nicht heimgekehrt ist, und nach dem Willen seines göttlichen Erzfeindes Poseidon würde er das auch nie tun. Nun ist aber Poseidon auf Dienstreise (er nimmt ein Opfer im entfernten Äthiopien entgegen), also können seine Kollegen ihm eins auswischen... Auf dem Olymp menschelt es nämlich ebenfalls.
Mehr Schlitzohrigkeit, als die Götter durchschauen können, mithin auch ein göttlicher Schelmenroman? An der blasphemischen Hypothese könnte was dran sein. Ist doch die List, mit der Polyphem besiegt wird (Odysseus: "Mein Name ist Niemand" -- Polyphem, einige Zeit später: "Niemand hat mich beraubt! Niemand hat mich geblendet!") viel zu schön, als dass man sie den Linguisten überlassen dürfte, denen sie als hilfreiches Beispiel zur Erklärung mancher komplizierter Sachverhalte dient. Und warum wohl verwandelt Kirke die Männer in Schweine? (Hehehe)
Die Odyssee ist x-mal übersetzt worden, und zweifellos gibt es zahlreiche gelungene Prosa-Übersetzungen. Trotzdem empfehle ich die Hexameter-Übersetzung von Voß. Und das nicht nur, weil ein Epos auch von seinem Rhythmus lebt, den keine noch so gelungene Prosa ersetzen kann. Sondern auch, weil Voß die Sprache fast wie einen Pinsel benutzt -- er malt mit Worten, und viele seiner "Bilder" setzen sich für immer im Gedächtnis fest. Sei es die "rossenährende Argolis" oder die "rosenfingrige Eos" (Eos war die Göttin der Morgenröte), sei es noch so vieles anderes. Und man lasse sich nicht von der auf den ersten Blick ein wenig fremd wirkenden Versform einschüchtern. Man liest sich schneller ein, als man denkt! Nach einer Stunde Voß-Lektüre redet man selber in Hexametern, wenn man nicht aufpasst.
Es könnte also durchaus sein, dass man abends zu lesen anfängt, und aufhört, wenn Eos mit Rosenfingern den irrenden Leser in die triste Gegenwart zurückholt.